Björn O. Nilsson, Angela Merkel, Stefan Löfven und Olof Persson bei der Eröffnung des German Swedish Tech Forum im Januar 2017

Eröffnung des German Swedish Tech Forum 2017.

German Swedish Tech Forum: Plattform der Möglichkeiten

23.05.2018

„Das Echo aus der Wirtschaft ist überwältigend“, sagt Ralph-Georg Tischer, Geschäftsführer der Deutsch-Schwedischen Handelskammer, über das German Swedish Tech Forum, das die Handelskammer im letzten Jahr zusammen mit der Königlich Schwedischen Akademie der Ingenieurwissenschaften (IVA) ins Leben gerufen hat.

Im Januar 2017 hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Stefan Löfven die neue bilaterale Innovationsplattform in Stockholm eröffnet. Angesprochen sind sowohl Wirtschaft als auch Wissenschaft. „Forschung und Innovation sind wichtig für Deutschland und Schweden. Wir begegnen uns also auf Augenhöhe, sind Lehrer und Schüler gleichzeitig. Das schafft gute Voraussetzungen für einen konstruktiven Dialog“, erklärt Ralph-Georg Tischer.

Vier Schwerpunkte hat das Forum: Life Sciences, Produktion und Materialien, Mobilität sowie Energie und Umwelt. Und das Interesse ist groß. „Es gab offensichtlich dringenden Nachholbedarf bei Dialog und Wissensaustausch zwischen den Ländern“, so Tischer.

Die Themen sind vielfältig. Manche Unternehmen wollen mehr über Kundensysteme im anderen Land wissen, andere Teilnehmer suchen Hilfe bei der Forschungsfinanzierung. Oft hat man sich bereits intensiv mit der neuesten Technik oder neuen Forschungsergebnissen auseinandergesetzt, braucht aber Kooperationspartner, um weiterzukommen. Da lohnt vielfach ein Blick auf die andere Seite der Ostsee.

„Vor allem aus dem Energie- und Transportsektor sowie aus der Industrie kommen viele Anfragen in Sachen Technologietransfer. Da hat das Forum Türen geöffnet. E-Health ist ebenfalls ein interessanter Bereich, auch wenn die Unterschiede zwischen unseren Sozialversicherungssystemen groß sind.“

Offen für Mitglieder und neue Kontakte

Grundsätzlich ist die Plattform für Kammermitglieder aus den relevanten Branchen geschaffen worden. Sie soll einen konkreten Mehrwert bieten und den Ideenaustausch weiter vorantreiben. Doch das Forum, erklärt Tischer, werde ganz bewusst auch für andere interessierte Firmen offen gehalten, um eine noch breitere Zielgruppe zu erreichen – zum Beispiel das Netzwerk des Partners IVA.

„Deutschland ist nun mal Schwedens größter Handelspartner, doch das merkt man oft nicht“, ergänzt Johan Weigelt, stellvertretender Geschäftsführer der IVA. Weigelt ist der Ansicht, dass bestehende Netzwerke und Kooperationen zwischen Wirtschaft und Forschung in den beiden Ländern deutlich stärker in den Vordergrund gerückt werden sollten, damit die guten Handelsbeziehungen noch mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Parallel zum Tech Forum haben sich die Regierungen beider Länder auch auf die „Deutsch-schwedische Innovationspartnerschaft“ verständigt. Die Schwerpunkte der beiden Initiativen überlappen sich, sind aber nicht vollkommen identisch. Die politische Partnerschaft konzentriert sich auf Mobilität, dabei vor allem E-Highways, Testbeds für die Industrie 4.0, die Digitalisierung der kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) und E-Health.

Schweden und Deutschland sind sich in vielem ähnlich, aber gleichzeitig auch ausreichend unterschiedlich, um spannende Synergieeffekte zu erzielen. So gehören beide nach Angaben des EU-Amtes für Statistik Eurostat bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) zur europäischen Spitze. Schweden führte die Liga 2015 mit 3,26 Prozent des BIP an, Deutschland kam auf 2,8 Prozent. Der EU- Durchschnitt lag bei knapp 1,8 Prozent. Gleichzeitig nähern sich die beiden Länder einander an. In Schweden sinken die FuE-Ausgaben leicht, in Deutschland steigen sie.

Zusammenarbeit immer wichtiger

Kooperation ist also das Gebot der Stunde – zwischen Wettbewerbern, kleinen und großen Unternehmen, Forschung und Industrie. Die Mittel dazu sind unter anderem Inkubatoren, Science Parks, offene Plattformen und Testbeds, aber auch politische Initiativen. „Gerade was Industrie 4.0 angeht, kann Schweden einiges von Deutschland lernen“, sagt Weigelt, „vor allem, was die nationale Bündelung der Maßnahmen anbelangt.“

Auch Eva Lindström, ehemalige Staatssekretärin im schwedischen Wirtschaftsministerium, sieht hier Nachholbedarf. „Es ist wirklich höchste Zeit für eine moderne Industriepolitik in Schweden“, erklärte sie im Februar 2018 bei einem IVA-Seminar im Rahmen des German Swedish Tech Forum. „Wir haben unsere Industrie zu lange als selbstverständlich hingenommen.“

Adam Airosto, Geschäftsführer des Verpackungsunternehmens Emballator Växjöplast, konnte sich vor Ort vom Vorsprung Deutschlands überzeugen. Als Gewinner des IVA-Digitalisierungswettbewerbs „Smart industri“ nahm er 2017 an einer Tech Forum-Studienreise, organisiert von der Handelskammer, teil.

„Wir haben ja eigentlich geglaubt, dass wir in Sachen Digitalisierung und Automatisierung ganz gut sind“, erzählt Airosto mit einem Lächeln. „Als wir dann aber Bosch, Siemens und Kuka besucht haben, war es ganz schön frustrierend zu sehen, wie weit voraus sie uns waren. Gleichzeitig hat uns das natürlich auch inspiriert.“

Teilnahme von KMU ausdrücklich erwünscht

Gerade kleine und mittlere Unternehmen hinken bei der Digitalisierung oft noch hinterher. In einer IVA-Umfrage gaben 80 Prozent der befragten schwedischen Unternehmen an, es fehle ihnen die entsprechende Kompetenz. In Deutschland ist die Situation nicht anders. Die Ausgaben der Unternehmen für Innovationen, also für FuE, Marketing, Prototypen oder Produktionsaufbau, liegen zwar auf einem stabil hohen Niveau, doch der Anteil der kleinen und mittelgroßen Unternehmen daran nimmt ab.

Das German Swedish Tech Forum wendet sich daher auch bewusst an KMU. Eine Initiative, die sich sowohl an große Hersteller als auch an kleinere Lieferanten richtet, ist beispielsweise das neue „Swedish-German Testbed for Smart Production“. Hier können Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus Deutschland und Schweden gemeinsam Technologien für die Industrie 4.0 testen.

Bislang sind vor allem „die Großen“ dabei, zum Beispiel Volvo, Ericsson, ABB und SAP auf der Unternehmensseite, zwei Fraunhofer-Institute, die Königlich Technische Hochschule Stockholm und das staatliche schwedische Forschungsinstitut RISE auf der Wissenschaftsseite. Doch kleine und mittlere Unternehmen sind ausdrücklich eingeladen und aufgefordert mitzumachen.

Wenn sich die Schweden bei der Industrie 4.0 also gerne an den Deutschen orientieren, blicken die Deutschen ihrerseits bei anderen Fragen nach Schweden. „Ich könnte mir vorstellen“, sagt Johan Weigelt von IVA, „dass Deutschland sich etwas von der schwedischen Lust zu experimentieren abschauen kann. Wir sind hier weniger hierarchisch und trauen uns eher, Sachen auszuprobieren.“ Zudem gelten die Schweden als „early adopters“, die die Digitalisierung in der Regel begrüßen und mit persönlichen Daten recht offen umgehen.

Großes Interesse an Austausch zu E-Health

Das macht Schweden unter anderem zu einem Vorreiterland bei E-Health. „Deutsche Ärzte kommunizieren ja immer noch am liebsten per Fax oder Brief“, sagte Markus Müschenich, Leiter des Berliner Flying Health Incubators und Vorstandsmitglied im Bundesverband Internetmedizin, bei einem Seminar im Rahmen des German Swedish Tech Forum in Stockholm. „Hier liegt Schweden weit vor uns.“

Dies wiederum macht Deutschland mit seinem noch ungenutzten Potential zu einem interessanten Markt für schwedische Unternehmen. „Der Zuspruch von schwedischer Seite war nach dem Seminar so groß, dass wir beschlossen eine Nachfolgeveranstaltung durchzuführen“, erklärt Anne Geitmann, stellvertretende Bereichsleiterin Market Services bei der Deutsch-Schwedischen Handelskammer.

Im Februar 2018 ging es daher zu einer Studienreise nach Berlin. Auf dem Programm standen Treffen mit möglichen Kunden wie Krankenhäusern und Krankenkassen, aber auch ein Besuch beim Flying Health Incubator und im Bundeswirtschaftsministerium.

„Wir zeigen schwedischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen möglichst praxisnah, wie der Markt in Deutschland funktioniert“, sagt Geitmann. „Die dabei erworbenen Kenntnisse können diese dann zu Hause in der eigenen Organisation anwenden. Das ist ja die Grundidee des German Swedish Tech Forum.“

Enormes Potenzial im Dienstleistungssektor

Monica Lindstedt, Vorstandsmitglied der Deutsch-Schwedischen Handelskammer, sieht im gesamten Dienstleistungssektor ein enormes Kooperations- und Innovationspotential. Lindstedt ist Gründerin von Hemfrid, Schwedens größtem Anbieter von Haushaltsdienstleistungen.

„Unsere Länder haben enge Beziehungen Business-to-Business und auch in Teilen des Einzelhandels, aber beim Export von privaten Dienstleistungen, im Haushalt zum Beispiel oder in der Pflege, sieht es anders aus.“ Daher sei eine Plattform wie das German Swedish Tech Forum so wichtig. „Denn was nicht ist, kann ja noch werden.“

Auf drei Jahre ist das Forum zunächst einmal angelegt. Seit dem Start 2017 finden laufend Veranstaltungen statt, deren Formate variieren: Seminare, Konferenzen, Studienreisen und Workshops wechseln sich ab. „Unser Ziel ist es“, so Ralph-Georg Tischer, „Unternehmen und Forschung bei so vielen konkreten Projekten wie möglich zusammenzuführen. Wenn wir das schaffen, hat das German Swedish Tech Forum seinen Zweck erfüllt.“

Ansprechpartner

Dr. Verena Adamheit

Market Entry & Business Development

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