Prof. Hubert Fromlet kommentiert für die Deutsch-Schwedische Handelskammer

Professor Hubert Fromlets Gedanken zum Jahreswechsel

13.12.2018

Seit einiger Zeit häufen sich negative Konjunkturnachrichten aus vielen Ländern, leider auch aus Deutschland und Schweden. Die USA stellen bislang gemäß Statistik noch eine positive Ausnahme dar – dank expansiver Finanzpolitik. Die momentane Unruhe an der New Yorker Börse sollte aber nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Insgesamt wird sich eine gewisse Verlangsamung des globalen Wachstums 2019 wohl nicht mehr vermeiden lassen, zumal ein spürbar negativer Stimmungsumschlag vielerorts schon stattgefunden hat.

Aber droht deswegen schon in Bälde ein schmerzvoller Konjunktureinbruch oder gar eine Rezession? Das muss bei Weitem nicht so zu sein. Zugegebenermaßen sind Konjunkturprognosen heutzutage schwieriger zu erstellen als gewohnt, da die historische Betrachtungsweise der ökonometrischen (mathematischen) Prognosemodelle aufgrund aller Veränderungen und Neuerungen in den letzten Jahren (noch) weniger flexibel an die aktuelle Wirklichkeit angepasst werden kann.

Aus diesem Grund tut man gut daran, Konjunkturprogosen mit erforderlicher Vorsicht zu analysieren, nicht zuletzt wegen des zu dieser Jahreszeit besonders ausgeprägten Herdentriebs unter den professionellen Konjunkturexperten. Daher sollte man unbedingt auch die pessimistischsten und optimistischsten Prognosen miteinander und mit den Durchschnittsprognosen vergleichen und dabei herausfinden, worauf die Unterschiede bei den BIP-Wachstumsprognosen zurückzuführen sind.

Was bedeutet der achtjährige Aufschwung?

In der Tat besteht der gegenwärtige Aufschwung nun schon seit über acht Jahren, was historisch betrachtet ein sehr langer Zeitraum ist. Daraus ergibt sich die Frage, ob die Weltwirtschaft inzwischen verständliche Konjunkturmüdigkeit aufweist oder durch die vielen Aufschwungsjahre widerstandsfähiger geworden ist. Die erste Alternative dominiert in der Debatte, aber auch die zweite wird hin und wieder angesprochen.

Eines ist dagegen sicher: Die aktuelle Lage in der Weltwirtschaft lässt sich mit der Ausgangsposition vor der globalen Wirtschaftskrise 2007/2008 keineswegs vergleichen. In den letzten zehn Jahren konnte man sowohl positive als auch negative Veränderungen beobachten.

Als positiv können zum Beispiel notwendige Regulierungen im Bankensektor genannt werden, auch wenn dies nicht jeder Banker so sehen mag. Allerdings wurde der reformierte und neu regulierte globale Finanzsektor bislang noch keinem harten Wirklichkeitstest unterzogen. Auch die Weiterentwicklung der Digitalisierung im letzten Jahrzehnt nimmt sich grundsätzlich positiv aus, wobei sogenannte cyber risks noch nicht effektiv genug bekämpft werden konnten.

Zahlreiche beunruhigende Trends

Gleichzeitig zeigt sich auch eine Vielzahl von negativen Faktoren im Vergleich zu 2007/2008. Hierzu gehören beispielsweise:

  • der zunehmende Protektionismus in der Welt, ausgehend von den USA
  • die global viel zu schnell wachsende öffentliche und private Verschuldung
  • die extreme Niedrigzinspolitik der EZB und auch der Riksbank in Schweden – und daraus zumindest partiell resultierend:
  • übertriebene Risikoneigung an vielen Aktien und Immobilienmärkten
  • ungesunde Anleihenmärkte mit keineswegs marktkonformen Renditen
  • ein allzu kräftiger Kreditboom in zahlreichen Ländern
  • unzufriedene Banksparer
  • psychologisch bedingter Realitätsverlust vor allem bei privaten Haushalten, aber auch bei vielen Politikern wegen stark verbesserter Zinsbedingungen
  • geringere Effektivität zukünftiger Geldpolitik wegen eingeschränktem Aktionsradius
  • erschwerte Akzeptanz von zukünftigen Zinserhöhungen in breiten Kreisen der Gesellschaft

Winds of Change

In der Zeit des Falls von Mauer und Eisernem Vorhang hörte man überall den Hit der deutschen Rockband The Scorpions: Wind of Change, symbolisch gesehen als Aufbruch in neue Zeiten in Deutschland, Europa und der ganzen Welt. Auch wirtschaftlich war der Wind of Change zu spüren.

Diese Epoche scheint jetzt aber dem Ende zuzugehen. Neue Veränderungswinde fangen an zu blasen – und in ein paar Jahren vielleicht auch zu stürmen. Die oben genannten Beispiele zeigen, dass die ökonomische Welt von heute anders aussieht als die von gestern – und die Welt von morgen wahrscheinlich auch ganz anders als die von heute.

Viele ökonomische Prinzipien bestehen zwar nach wie vor, und wohl auch auf längere Sicht. Die inhaltlichen Voraussetzungen für Konjunkturprognosen haben sich aber schon in den letzten Jahren auffallend geändert. Ob professionelle Konjunkturexperten mit ihren technischen Prognosemodellen da in einigen Jahren mithalten können, sei dahingestellt.

Es wird sich aber gewiss lohnen, die Entwicklung der globalen, europäischen, deutschen und schwedischen Politik und Wirtschaft auch weiterhin regelmäßig und genau zu verfolgen.

Mit den allerbesten Grüßen und Wünschen für 2019!

Ansprechpartner

Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer