Sigmar Gabriel, diesjähriger Gastredner der Handelskammer-Jahrestagung.

Hier im Gespräch mit Moderatorin Therese Larsson Hultin.

Der Veranstaltungssaal im Stockholmer Grand Hôtel war voll besetzt.

Sigmar Gabriel och Therese Larsson Hultin på Tysk-Svenska Handelskammarens årsmöte 2019

Hans Dahlgren, EU-Minister in der schwedischen Regierung.

An der Podiumsdiskussion nahmen auch Martin Lundstedt, Volvo Group...

...und Luka Crnkovic-Friis, Peltarion, teil.

Panelen på Tysk-Svenska Handelskammarens årsmöte 2019

Die Diskussionsteilnehmer sowie Ralph-Georg Tischer (2. Reihe, rechts), Geschäftsführer, und Staffan Bohman (1. Reihe, rechts), Präsident der Deutsch-Schwedischen Handelskammer.

Vor und nach dem Seminar gab es Zeit für persönliche Gespräche.

Handelskammer-Vorstandsmitglieder: Ulf Troedsson, Niclas Mårtensson und Anna Storm.

Deltagare i samtal på Tysk-Svenska Handelskammarens årsmöte 2019

Richard Bader, ERV, und Ralph-Georg Tischer.

Thomas Lundholm, KTH, im Gespräch.

Melanie von Waldersee und Hans-Theodor Kutsch, Ter Hell Plastic.

Maria Sunér Fleming, Svenskt Näringsliv, und Susanne Kuschel, BASF, im Gespräch.

Für Cecilia Lindberg und Mikael Andersson von Sunbirdie war es die erste Jahrestagung.

Johan Svenningsson, Uniper, im Gespräch.

Sigmar Gabriel: Mehr Einigkeit und eine klare Strategie für Europa

29.04.2019

Die Europäische Union steht vor großen Herausforderungen und wachsenden Spannungen, sowohl zwischen den Mitgliedsländern als auch in den Beziehungen zum Rest der Welt. „Die größte Gefahr besteht darin, dass wir den Mut verlieren. Um im Wettbewerb mit unter anderem China bestehen zu können, braucht es mehr Einigkeit und eine klare Strategie“, betonte der langjährige deutsche Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel in seinem Gastvortrag auf der Jahrestagung der Deutsch-Schwedischen Handelskammer vergangenen Mittwoch.

Gabriel, der über viele Jahre die Bundespolitik mitgeprägt hat und in Schweden vor allem als deutscher Außenminister 2017-2018 bekannt ist, war Gastredner der diesjährigen Jahrestagung der Handelskammer. Zu Beginn seines Vortrags im voll besetzten Saal des Stockholmer Grand Hôtels erzählte er, dass er bereits in seiner Jugend politische Kontakte nach Schweden geknüpft hat.

„Mitte der 1970er-Jahre trat ich dem Jugendverband Die Falken bei. Damals organisierten wir Sommercamps in Schweden zusammen mit unserer Schwesterorganisation Unga Örnar. Jetzt, wo ich wieder in Schweden bin, werden Erinnerungen an diese Zeit wach“, sagte Gabriel.

Auch wirtschaftlich stehen sich Deutschland und Schweden nahe. Der bilaterale Austausch von Waren und Dienstleistungen ist intensiv und aus beiden Ländern gehen etwa 60 Prozent der Exporte in andere EU-Länder. „Das bedeutet, dass eine Investition in die EU immer auch eine Investition in unsere eigene Zukunft ist“, merkte der ehemalige deutsche Vizekanzler an.

Schwächung der EU durch Brexit

Laut Gabriel stehe Europa derzeit am Scheideweg und vor entscheidenden Prüfungen. Eine der größten Herausforderungen stelle der geplante EU-Austritt Großbritanniens dar. „Ein Brexit wird ganz klar eine Schwächung der EU nach sich ziehen“, stellte er fest.

Nun gelte es, die verbleibenden Mitgliedsländer dazu zu bewegen, an einem Strang zu ziehen. Nur so könne man die großen Umwälzungen der Gegenwart, wie Chinas Vormarsch auf den Weltmärkten, gut meistern.

„Die sogenannte Neue Seidenstraße, das größte Infrastrukturprojekt der Welt mit einer Reihe von neuen Handelsverbindungen zwischen Asien und Europa, gibt uns einen Fingerzeig auf das, was uns in Zukunft erwartet“, meinte Sigmar Gabriel. „Doch statt China für seine offensive Strategie zu kritisieren, sollten wir selbstkritisch hinterfragen, warum wir in Europa noch keine eigene Strategie entwickelt haben.“

China erkennt Möglichkeiten in Afrika

Teil des globalen Vormarsches der Chinesen ist auch eine Stärkung der Beziehungen zu Afrika. Laut einer Prognose der UNO wird sich die Bevölkerung des Kontinents bis 2050 verdoppeln. China hat den afrikanischen Ländern umfangreiche wirtschaftliche Unterstützung versprochen und treibt bereits heute gigantische Infrastrukturprojekte in Afrika voran.

„Während Europa Afrika vor allem mit Problemen verbindet, sieht China Möglichkeiten. Dieser entscheidende Unterschied sollte uns zu denken geben“, sagte Sigmar Gabriel.

Der Ex-Außenminister ging in seiner Rede auch auf das Verhältnis zu den USA ein. Es sei an der Zeit, dass der Handelskrieg mit China und der Konflikt mit der EU ein Ende fänden. Stattdessen forderte er: „Der transatlantische Dialog muss wiederhergestellt werden.“

Nutzen von Europa erklären

Aber wie erreicht man, dass sich die Bürger der EU stärker für Europa engagieren und die Einigkeit zwischen den Mitgliedsstaaten wächst? Unter anderem müssten die Politiker laut Gabriel den Nutzen der europäischen Zusammenarbeit besser erklären und aufzeigen, in welche Richtung sich die Gemeinschaft entwickeln muss, um ihre Position auf internationaler Ebene zu stärken.

„Politiker lieben es, über andere Fragen wie beispielsweise die Europäische Bankenunion zu sprechen“, merkte er an. „Aber zumindest in meinem Heimatland haben die Menschen riesige Angst davor, einen Finanzminister zu bekommen, der in Brüssel sitzt.“

In der anschließenden Podiumsdiskussion betonte der schwedische EU-Minister Hans Dahlgren, wie wichtig ein starker EU-Binnenmarkt in einer Welt ist, die von wachsender Unsicherheit geprägt wird: „Der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Menschen und Kapital ist eine Grundvoraussetzung für die Erhaltung unserer Arbeitsplätze.“

Junge Generationen ernst nehmen

Gleichzeitig warnte Sigmar Gabriel vor der neuen Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt. In der sogenannten Gig Economy werden Festanstellungen zunehmend durch kleine, zeitlich begrenzte Aufträge ersetzt, die von Selbständigen, Freiberuflern oder geringfügig Beschäftigten ausgeführt werden. „Das dürfen wir nicht ausufern lassen. Sonst kann es auch bei uns zu Protestaktionen wie von den Gelbwesten in Frankreich kommen.“

Nicht zuletzt um den Klimawandel zu stoppen, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Obwohl sich die EU-Mitgliedsstaaten auf gemeinsame Klimaziele geeinigt haben, ist die Energiepolitik weiterhin eine nationale Angelegenheit. „Die Aufmerksamkeit, die Greta Thunberg erhalten hat, ist ein deutliches Signal von der jüngeren Generation, dass es Zeit ist, das Thema Klima endlich ernst zu nehmen. Das gelingt jedoch nur, wenn wir auf europäischer Ebene zusammenarbeiten“, betonte Hans Dahlgren.

Digitalisierung und KI verändern die Arbeitswelt

Eine weitere große Herausforderung – und Möglichkeit zugleich – brachte Martin Lundstedt, Präsident und CEO des Nutzfahrzeugherstellers Volvo Group, in die Diskussion ein: die fortschreitende Digitalisierung und der verstärkte Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Dadurch könnten sich viele Arbeitsaufgaben ändern oder ersetzt werden, was aber nicht automatisch einen Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten müsse.

„Wir sollten vor Veränderungen keine Angst haben“, sagte Lundstedt. „Schauen Sie sich ein Unternehmen wie Volvo an. Früher brauchte es in der Fertigung von Zylinderblöcken 35 Angestellte pro Schicht, heute nur noch drei bis vier. Dennoch hat sich die Mitarbeiterzahl bei uns im Laufe der Zeit erhöht.“

Ein Unternehmen, das in Sachen Digitalisierung ganz vorne mitspielt, ist Peltarion, das 2004 von Måns Erlandsson und Luka Crnkovic-Friis gegründet wurde. Bei Peltarion hat man durch die Entwicklung einer Plattform für sogenannte operative KI internationale Aufmerksamkeit erregt. Mehrere namhafte Investoren wie FAM, Investmentunternehmen der schwedischen Wallenberg-Familie, und EQT Ventures sind inzwischen an Peltarion beteiligt.

Geschäftsführer Luka Crnkovic-Friis betonte, dass es durch den europäischen Binnenmarkt deutlich einfacher geworden sei, an Kapital zu gelangen und Fachkräfte zu gewinnen. Allerdings: „Das Problem besteht darin, dass der Übergang von Automatisierung zu Digitalisierung zu langsam vorangeht.“

Bürokratie als Hindernis für Start-ups

In China und den USA gibt es mittlerweile hunderte sogenannter Unicorns, Unternehmen mit einem Börsenwert von über einer Milliarde US-Dollar, vor allem in der Tech-Industrie. Dass in Europa nicht mehr solcher Start-ups entstehen, erklärte Luka Crnkovic-Friis mit der umfangreichen Bürokratie, die eine Gründung und Ansiedlung hier erschwere: „Für ein kleines, frisch gestartetes Unternehmen ist das unmöglich zu schaffen. In den USA ist das alles deutlich einfacher.”

Trotz aller Forderungen nach Digitalisierung und Erneuerung müsse man aber auch einsehen, dass sich traditionelle Geschäftsmodelle nicht über Nacht ändern ließen, gab Sigmar Gabriel abschließend zu bedenken: „Wir haben mit vielen unserer erfolgreichen Geschäftsmodelle mehrere hundert Jahre lang gut gelebt. Jetzt von Produkt auf Funktion umzuschalten, braucht seine Zeit. Als ich 18 Jahre alt war, stand zum Beispiel ein eigenes Auto ganz oben auf meinem Wunschzettel. Meine Tochter, die heute in diesem Alter ist, sieht das ganz anders. Für sie ist Mobilität viel wichtiger, als ein eigenes Auto zu besitzen. Das ist eine ganz neue Denkweise, die sich erst nach und nach durchsetzen wird.“