„Bioraffinerien zu einem eigenständigen Industriesektor machen“

18.11.2022

Die Industrie will den Übergang zu Netto-Null-Emissionen stärker vorantreiben. Jetzt will die deutsch-schwedische Zusammenarbeit den Anstoß innerhalb der EU geben, den Übergang zur Bioökonomie zu beschleunigen. Im Seminar zur Frage, wie mehr biobasierte Materialien hergestellt werden können, wurden dazu konkrete Vorschläge gemacht.

Gemeinsam mit dem deutschen Chemieunternehmen BASF lud die Deutsch-Schwedische Handelskammer Expertinnen und Experten sowie Vertreter aus Politik, Industrie und Verwaltung zu einer Diskussion darüber ein, wie innovative Technologien und politische Entschlossenheit die Gesellschaft auf dem Weg zu einer Bioökonomie unterstützen können und welche Lösungen Schweden helfen können, eine Vorreiterrolle in einer neuen globalen und nachhaltigen Industrie zu übernehmen.

BASF und die Nachfrage nach biobasierten Rohstoffen

Mark Meier, CEO BASF Schweden und Vice President BASF Nordic/Baltics, gab zunächst einen Überblick darüber, wie das weltgrößte Chemieunternehmen global mit der biobasierten Wirtschaft zusammenarbeitet.

„Unser Ziel ist es, den Anteil biobasierter Rohstoffe in der Produktion zu erhöhen, auch im Hinblick auf frühere Initiativen der schwedischen Regierung in diesem Bereich. Wir werden nun sehen, welche Schlussfolgerungen die neue Regierung zieht und wie die Leitlinien für das weitere Vorgehen aussehen werden.“

Daniel Roser, Direktor der BASF-Abteilung Nachwachsende Rohstoffe, erläuterte eine spannende Entwicklung, bei der die grüne Transformation des Unternehmens mit dem Ziel, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen, im Mittelpunkt stand.

„Um unser Ziel zu erreichen, sind bestimmte Hebeleffekte entscheidend, wie z. B. eine umweltfreundlichere Stromversorgung, bei der wir derzeit u. a. mit Vattenfall in Sachen Windkraft zusammenarbeiten.“

„Unsere Treibhausgasemissionen sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Um unser Ziel zu erreichen, sind bestimmte Hebeleffekte entscheidend, wie z. B. eine umweltfreundlichere Stromversorgung, bei der wir derzeit u. a. mit Vattenfall in Sachen Windkraft zusammenarbeiten. Es gibt auch Produktionsverfahren, die den Kohlenstoffausstoß verringern und fossile Rohstoffe durch biobasierte Rohstoffe ersetzen.“

Roser wies auch darauf hin, dass ein vollständiger Ausstieg aus der Kohlendioxidverbrennung in der chemischen Industrie nicht möglich ist, da Kohle der wichtigste Baustein des Sektors ist. Nachwachsende Rohstoffe werden als Ergänzung zum Angebot von Kreislauflösungen gesehen.

„Wir bei BASF sehen, wie diese sehr konstruktiv in die Wertschöpfungskette eingebunden werden können. Das wird auch zunehmend von unseren Kundinnen und Kunden gefordert. Biomasse ist einfach eine wirksame Lösung zur Verringerung des CO2-Fußabdrucks von Produkten. Um den Übergang, der voller Herausforderungen und Chancen ist, bewältigen zu können, brauchen wir Rechtsvorschriften mit klaren Leitlinien und Zertifizierungsverfahren, die die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigen und deren Umsetzung von der Politik unterstützt wird. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Zusammenarbeit und Partnerschaft über robuste Wertschöpfungsketten hinweg, wobei der Schwerpunkt klar auf neuen Technologien liegt.“

Strategie für eine schwedische Bioökonomie

Karin Tormalm, Vorsitzende des Untersuchungsausschusses der schwedischen Regierung zur nationalen Bioökonomiestrategie, berichtete über die Aktivitäten im Ausschuss und die Absichten der schwedischen Regierung. Die Untersuchung, deren Ergebnisse im Herbst 2023 vorgelegt werden sollen, zielt auf die Förderung von nachhaltigem Wachstum, Innovation und Beschäftigung ab. Darüber hinaus soll sie einen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz leisten, die Versorgungssicherheit erhöhen und damit die Angreifbarkeit der Gesellschaft verringern. Tormalm beschrieb die aktuelle Zeit als eine der Krisen: die Klimakrise, die Energiekrise, der Krieg in Europa und die steigende Inflation. Obwohl diese Faktoren nicht direkt Teil der Untersuchung sind, sei es wichtig, den Kontext zu verstehen, in dem sie entstanden ist, so die Vorsitzende des Ausschusses zur schwedischen Bioökonomiestrategie.

„Das Gros der Biomasse wird aus Wäldern, der Landwirtschaft, der Fischerei und aus Lebensmittelabfällen stammen. Unsere Empfehlungen in diesen Bereichen werden eine nachhaltige, wettbewerbsfähige und wachsende Bioökonomie stärken. Teil des Auftrages ist auch die Entwicklung von Vorschlägen, die die Produktion von flüssigen Biokraftstoffen auf Basis schwedischer Rohstoffe stärken. Die größten Herausforderungen sind dabei die Regulierung auf EU-Ebene, die trotz der hohen Nachfrage begrenzten Mengen an Biokraftstoffen sowie die politischen, finanziellen und technischen Risiken. Gleichzeitig bieten sich aber auch große Chancen, wie z. B. enorme Klima- und Umweltvorteile, erhöhte Versorgungskapazitäten sowie verbesserte Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen für unsere Arbeit!“  

Forschung und Politik

Johanna Mossberg ist Leiterin der Abteilung Bioraffinerien und Energie bei der schwedischen Forschungsagentur RISE. Sie betonte die Bedeutung der Bioökonomie für die Abkehr von fossilen Rohstoffen. Alles, was aus fossilen Rohstoffen hergestellt würde, könnte potenziell aus biobasierten Rohstoffen gewonnen werden. Hierfür seien jedoch neue Technologien, mehr Zeit und Investitionen erforderlich. Zu den Bioökonomietrends mit großem Entwicklungspotenzial zählte sie nachhaltige Verpackungen, Biokraftstoffe für Schiffe und Flugzeuge sowie die biobasierte Chemieindustrie, in der fossile Stoffe momentan noch eine große Rolle spielen. Die größte Herausforderung bestehe darin, die Bioraffinerien zu einem sich selbst tragenden Industriesektor zu machen und den politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern nicht nur den Weg in die Zukunft zu weisen, sondern dessen Ausrichtung auf der Grundlage zu koordinieren, dass es sich nicht um einen einzelnen Industriesektor handelt. Pilotprojekte erfordern erhebliche Investitionen, und die Politik muss der Industrie die Möglichkeit geben, neue Wege zu gehen.

„Wie Daniel Roser bereits erwähnte, führt kein Weg an kohlenstoffbasierten Produkten vorbei. Daher müssen wir den Prozess optimieren, um nachhaltigeren biobasierten oder zirkulär nutzbaren Kohlenstoff herzustellen.“

„Wie Daniel Roser bereits erwähnte, führt kein Weg an kohlenstoffbasierten Produkten vorbei. Daher müssen wir den Prozess optimieren, um nachhaltigeren biobasierten oder zirkulär nutzbaren Kohlenstoff herzustellen. Damit die Bioökonomie optimal funktionieren kann, sind neue Technologien, neue Geschäftsmodelle und Bioraffinerien erforderlich. Letztere sind die Antwort der Industrie auf die Bioökonomie. Da das Angebot an Rohstoffen begrenzt ist, muss ihre Verwendung ressourceneffizient und zirkulär sein. Obwohl die Herausforderungen global sind, sind die Lösungen je nach den Bedingungen oft lokal. In Schweden beispielsweise spielen der Wald und die Forstwirtschaft eine zentrale Rolle. Gleichzeitig befindet sich die Bioökonomie in einem ständigen Wandel, und ich ermutige die Politik nachdrücklich, Initiativen in diesem Bereich zu fördern.“

An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen auch die Abgeordneten Jytte Guteland (Socialdemokaterna) und Rickard Nordin (Centrum) teil. Die Diskussion drehte sich um die Frage, was den Fortschritt behindert und welche Schritte notwendig sind, um die Entwicklung zu beschleunigen.

„Ich denke, Johanna Mossberg hat die Schwellenwerte gut zusammengefasst, und ich hoffe, dass die Untersuchung der schwedischen Regierung die Antworten im nächsten Jahr liefern kann. Aus politischer Sicht müssen wir diese Entwicklung als Chance sehen, für die Wirtschaft, die Beschäftigung usw. Schweden kann ein ‚grünes‘ Vorbild sein. Biobasierte Materialien haben ein enormes Potenzial“, so Nordin.

Unterstützt wurde er von Jytte Guteland. Sie wünschte sich zudem, dass Schweden mehr Unterstützung von Deutschland erhalten würde, um den schwedischen Wald als Motor für die Bioökonomie nutzen zu können:

„Biokraftstoffe werden entscheidend sein, aber wir brauchen auch eine EU-Kommission, die die Vorteile der Bioökonomie klarer erkennt. Deutschland muss bei dieser Arbeit eine führende Rolle übernehmen und dazu beitragen, dass die Mitgliedstaaten ihre Verantwortung wahrnehmen.“

„Die Bioökonomie kann in vielerlei Hinsicht einen Beitrag leisten, und ich sehe auch eine Schlüsselrolle für die Wälder und die Forstindustrie. Die teilnehmenden Gäste haben die Situation sehr gut beschrieben, und wir in der Politik müssen dafür sorgen, dass wir unsere Versprechen einhalten. Biokraftstoffe werden entscheidend sein, aber wir brauchen auch eine EU-Kommission, die die Vorteile der Bioökonomie klarer erkennt. Deutschland muss bei dieser Arbeit eine führende Rolle übernehmen und dazu beitragen, dass die Mitgliedstaaten ihre Verantwortung wahrnehmen.“

Mark Meier rundete den Vormittag mit einem Ausblick ab und betonte, dass die Technologien für eine florierende Bioökonomie fast fertig sind. Die Industrie sei bereit und die Nachfrage sei groß, aber was die Entwicklung bremst, sind langsame Genehmigungsverfahren und eine ungesunde Vorsicht, wenn es um neue Vorhaben geht.

Zusammenfassung

Dies ist notwendig, um mehr biobasierte Materialien herzustellen:

  • Zusammenarbeit und Partnerschaften über robuste Wertschöpfungsketten hinweg mit dem Schwerpunkt auf neuen Technologien
  • Politik, die den Weg in die Zukunft aufzeigt und dessen Steuerung über Industriesektoren hinweg koordiniert
  • verbesserter Zugang zu biobasierten Rohstoffen, was die EU dazu veranlasst, die schwedischen Wälder als Wegbereiter für den Übergang zu betrachten
  • Rechtsvorschriften mit klaren Leitlinien
  • Zertifizierungsverfahren für biobasierte Rohstoffe und Biomasse
  • Bioraffinerien als eigenen Industriesektor zu betrachten
  • finanzielle Mittel
  • große Investitionen in Pilotprojekte, die durch staatliche Mittel ermöglicht werden
  • besseren Zugang zu einer umweltfreundlicheren Stromversorgung und Produktionsverfahren, die den Kohlenstoffausstoß verringern

 

Das Seminar fand im Rahmen des German Swedish Tech Forum statt, der bilateralen Innovationsplattform, die gemeinsam von der Deutsch-Schwedischen Handelskammer und der Königlich Schwedischen Akademie der Ingenieurwissenschaften (IVA) getragen wird. Lesen Sie hier mehr über das Forum.