Prof. Hubert Fromlet kommentiert für die Deutsch-Schwedische Handelskammer

Stichwort Rezession: Auch Schweden bleibt nicht verschont

27.09.2022

Auch in Schweden wird sich eine Rezession in den nächsten Quartalen kaum vermeiden lassen. Allerdings lässt sich noch nicht richtig konkretisieren, in welche Art von Rezession Schweden geraten wird. Der schwedische Konjunkturhorizont sieht zumindest düster aus, meint unser Senior Advisor Prof. Hubert Fromlet.

Kriterien für verschiedene Rezessionsvarianten

Leider wird das sogenannte „R-Wort“ (Rezession) vielmals verkehrt, aber auch bewusst irreführend benutzt. Derartige Beispiele lassen sich meinem Sommerartikel über Wirtschaftspsychologie entnehmen und finden sich vor allem wieder, wenn es darum geht, Eigeninteressen durch Über- und Untertreibungen zu verfolgen.

Zur Abgrenzung des Rezessionsbegriffs bieten sich folgende Definitionen an:

  • „Finanzmarktrezession“:
    Eine „Finanzmarktrezession“ – weil hauptsächlich von Finanzmarktakteuren so gesehen – entsteht schon nach zweimaligem Minus des BIP direkt hintereinander im Vergleich zum vorigen Quartal (manchmal auch im Vergleich zum gleichen Quartal ein Jahr zuvor). Das große Problem bei dieser Alternative liegt in der Tatsache, dass eine „Finanzmarktrezession“ sowohl bei direkt nacheinander folgenden Quartalen mit relativ harmlosem Minus von jeweils 0,1 Prozent als auch bei schlimmen Minuszahlen von 1,6 Prozent und danach von 1,4 Prozent vorliegt. Diese zwei Beispiele spiegeln in der Tat völlig unterschiedliche Konjunkturverläufe wider.
  • „Amerikanische Rezession“:
    In den USA ist es Sache von acht seitens der Forschungsorganisation NBER (National Institute of Economic Research) ernannten Gutachterinnen und Gutachtern, Start und Ende einer Rezession zu bestimmen. Dabei definiert NBER eine Rezession als signifikanten Konjunktureinbruch im ganzen Land mit längerer Verweildauer als wenige Monate und normalerweise negativen Rückwirkungen auf Wachstum, Einkommen, Beschäftigung, Industrie und Einzelhandel.
  • „Rezession mit Zwischenstufe“ oder auch „Mezzarine Recession“:
    Manchmal kann es auch zu einer Form von Rezession kommen, die nicht richtig per Definition einer „Finanzmarktrezession“ oder einer „Amerikanischen Rezession“ entspricht, sondern eher einer Zwischenvariante ähnelt („Mezzarine Recession“).
  • „Eigener Rezessionsbegriff“:
    Meinerseits bewege ich mich analytisch näher am amerikanischen Rezessionsbegriff als am erstgenannten. Allerdings mit einer Einschränkung: Regionen, Branchen und kleinere Wirtschaftseinheiten können in einen eigenen Rezessionsstrudel geraten.
     

Welche Art von Rezession kommt in Schweden?

Auch in Schweden hat sich die Lage und Stimmung in der Wirtschaft in den letzten Monaten deutlich verschlechtert. Dies zeigen verschiedene Statistiken und Stimmungsbarometer. Eine Rezession scheint unvermeidlich – steht aber noch nicht unmittelbar vor der Tür.

Noch im zweiten Quartal stieg das schwedische BIP mit ordentlichen 0,9 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, hauptsächlich vom privaten Konsum und den Investitionen getragen. Zwischenzeitlich hat sich dieses recht positive Konjunkturbild jedoch sichtbar abgekühlt – mit deutlichen Stimmungsrückschlägen in fast allen Wirtschaftszweigen.

Folgt man der oben genannten „Finanzmarktrezession“ für eine Rezession, würde das Startdatum frühestens  zu Beginn des neuen Jahres liegen – aber nur, wenn schon Quartal drei und vier negative BIP-Zahlen aufweisen sollten. Generell betrachtet düften zwei negative BIP-Quartale in 2023 kaum zu vermeiden sein.

Es könnte aber auch noch schlimmer kommen, sodass sich letztendlich die Variante einer „Amerikanischen Rezession“ im nächsten Jahr durchsetzen könnte. Das wollen wir nicht hoffen, ist aber nur schwerlich vermeidbar im Hinblick auf die aktuellen internationalen Herausforderungen. Diese exogenen Herausforderungen werden häufig zitiert und könnten sich im schlimmsten Fall weiter verschärfen und dabei schwerer wiegen als potenzielle Erleichterungen. Nur im umgekehrten Fall – bei Ende des Krieges in der Ukraine und klarer Entspannung am Energiemarkt und/oder zügig sinkender Inflation könnte es letzten Endes eine mildere Rezession geben.

Schweden hat auch einheimische Konjunkturhemmer

Als ob all diese exogenen Rezessionsfaktoren nicht schon ausreichten, so kommen auch noch etliche endogene (einheimische) Fakoren hinzu. Weiter steigende Zinsen wird es auch in anderen Ländern geben, doch haben Schweden und seine Konsumentinnen und Konsumenten gleichzeitig mit der hohen Verschuldung der privaten Kredite und den sinkenden Preisen auf den Vermögensmärkten zu kämpfen – und dies bei relativ zurückhaltenden Lohnerhöhungen. Auch von den Investitionen und Exporten dürften in 2023 kaum Konjunkturimpulse kommen, so dass die „Amerikanische Rezession“ als Hauptszenario für Schweden zu sehen ist. Doch sollten die vielen internationalen und nationalen Einflussfaktoren ständig beobachtet werden. 

Gut nur, dass Schwedens öffentliche Verschuldung gleichzeitig so niedrig ist (unter 40 Prozent, in Deutschland 70 Prozent) und für den Notfall noch einiges an finanzpolitischem Spielraum da ist. Aber was wird die neue schwedische Regierung dazu sagen?

Hubert Fromlet
 

Anmerkung: Mit dem heutigen Artikel wird eine Umgestaltung der Wirtschaftsanalysen unseres Senior Advisors, Prof. Hubert Fromlet eingeleitet. Ein aktuelles Stichwort wird kurz definiert und auf die aktuelle Entwicklung bezogen. Den Anfang macht der Begriff „Rezession“ – derzeit in vielen Ländern diskutiert. 
 

Kontakt

Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer