Prof. Hubert Fromlet kommentiert für die Deutsch-Schwedische Handelskammer

Psychologie in der Wirtschaft

05.07.2022

Zwar wird die Verbindung von Psychologie und (Finanz-)Wirtschaft schon seit vielen Jahren wissenschaftlich erforscht, allerdings sehr spärlich. Trotz Nobelpreisverleihungen an drei Wissenschaftler mit diesem Schwerpunkt in den letzten 20 Jahren (Kahnemann, Shiller und Thaler), hat sich die am häufigsten erforschte Psychologie an den Finanzmärkten („behavioral finance“) noch immer nicht richtig an Universitäten und Hochschulen durchgesetzt. Das sollte sich schnellstmöglich ändern, um z. B. Finanzkrisen frühzeitig zu erkennen, meint unser Senior Advisor Prof. Hubert Fromlet in seinem ausführlichen Sommerartikel.

Den „homo oeconomicus“ gibt es nicht 

Das Gesamtkonzept „behavioral finance“ soll in diesem Zusammenhang nicht die analytische Spitzenposition bei der Finanzmarktanalyse übernehmen, sondern lediglich als wichtige Ergänzung zur traditionellen Finanzanalyse dienen. Gegnerinnen und Gegner der Korrelation von Psychologie und (Finanz-)Wirtschaft vertreten vor allem die Meinung, dass sich Psychologie von den klassischen Wirtschaftsmodellen mathematisch nicht erfassen lässt.   

Dazu muss unterstrichen werden, dass die traditionellen Finanzmodelle von dem sogenannten „homo oeconomicus“ geprägt werden. Diese Modellperson ist äußerst intelligent, verfügt über alle relevanten Informationen und auch zielsichere Prognosen für die anstehende Entscheidungsfindung. So schafft ein „homo oeconomicus“ immer ein optimales Resultat bei der Preisbildung an den Finanzmärkten.

„Ein derartiges Genie mit dieser Vielzahl von optimalen Voraussetzungen lässt sich in der Realität nicht finden“

Ein derartiges Genie mit dieser Vielzahl von optimalen Voraussetzungen lässt sich in der Realität nicht finden – und noch weniger, wenn man sich die folgenden Beispiele aus der psychologischen Realität an Finanzmärkten und auch anderen Märkten vor Augen führt.

Relevante Beispiele aus der wirtschaftlichen Verhaltensforschung 

  • Herdentrieb / Following the herd 
    Der sogenannte Herdentrieb ist ein wohlbekanntes Phänomen – besonders an Finanzmärkten, wenn sich immer mehr Marktteilnehmer einer gewissen Entwicklung anschließen, hauptsächlich angetrieben von der Globalisierung.
     
  • Heuristische Analyse von Informationen / Heuristic dealing with information 
    Hier geht es um die schnelle und selektive Auswertung von Informationen, normalerweise gesteuert von Intuition und Erfahrung. Hierbei ist die Analyse nicht immer sonderlich gründlich und bedarf daher hin und wieder einer revidierten Meinung. Sie kommt zumeist in Händlerräumen vor.
     
  • Ungleicher Zutritt zu Informationen / Varying access to information
    Trotz der Effektivität der Globalisierung bei der Verbreitung von Informationen erreichen gewisse Nachrichten nicht alle Interessentinnen und Interessenten gleichzeitig oder überhaupt. Erklärungen hierfür sind häufig mangelnde Transparenz und Schwierigkeiten bei der Findung oder Deutung von Informationen sowie exklusive Verteilungsmodalitäten von Informationen.
     
  • Bevorzugung von gewissen Nachrichten / Preference for certain news
    Hier haben wir einen psychologischen Faktor, der wirtschaftliche Einschätzungen deutlich auf die falsche Fährte bringen kann. In praxi geht es darum, dass an früheren Schlussfolgerungen, Prognosen und Empfehlungen festgehalten wird, obwohl sich inzwischen neue Tatsachen und Erkenntnisse herausgebildet haben. Dennoch werden Nachrichten, die zum neuen Bild nicht mehr richtig passen, weiterhin mehr Gewicht zugeteilt. Dies kann irreführend sein.   
     
  • Unterschiedliche Interpretationen / Differences in interpretation
    Unterschiedliche Interpretationen des gleichen Sachverhalts kommen immer wieder vor. Führt beispielsweise eine längere Abschwächung der Krone zu einem Anstieg der Inflation – oder doch nicht? Erhöhen Senkungen der Einkommensteuer den privaten Konsum oder die Sparquote? Die Meinungen zu diesen zwei Beispielen gehen meist auseinander.
     
  • Psychologie von Formulierungen / The psychology of sending messages
    Mit Statistik lässt sich bekannterweise viel anstellen – manchmal sogar auf fragwürdige Art und Weise, aber formell völlig korrekt. Man kann sich zum Beispiel Vergleichszeitpunkte und -zeiträume für Statistiken aussuchen, die gut ins gewünschte Konzept passen, jedoch etwas gekünstelt oder gar unangebracht erscheinen. Auch Wortwahl und Betonung können an eigene Präferenzen angepasst werden – und das nur durch einen veränderten Satzbau. Hier zwei Beispiele – das erste mit eher positivem Blickwinkel, das zweite umgekehrt:

    1. „Arbeitslosigkeit im Mai auf historisch niedrigstem Niveau trotz weniger neuer Jobs.“ 
    2. „Die Anzahl neuer Jobs sinkt im Mai trotz historisch niedrigster Arbeitslosigkeit.“
     
  • Anpassungsheuristik / Anchoring 
    „Anchoring“ spiegelt Erwartungen wider. Diese werden oft numerisch ausgedrückt, beispielsweise für Indikatoren wie BIP, KPI, PPI usw. Nennenswerte Abweichungen von den Erwartungen können zu stärkeren Reaktionen führen – vor allem an den Finanzmärkten (aber nicht gleich und symmetrisch in jeder Situation).   
     
  • Repräsentationsgrad / Representativeness 
    Hier dreht es sich um eine Situation, in der bestimmten Entwicklungen, Berichten oder Statistiken mehr Bedeutung zugemessen werden als sie es de facto verdienen. 
     
  • Selbstüberschätzung / Overconfidence 
    Dieser Faktor ist oft der wichtigste innerhalb des Bereichs „behavioral finance“ und der generellen Verhaltensökonomie für die übrige Geschäftswelt. Wo lässt sich „overconfidence“ in der eigenen Umgebung ausmachen – und wo in Politik und anderen Bereichen der Wirtschaft? Nobelpreisträger Robert Shiller definiert „overconfidence“ mit einfachen Worten – aber treffsicher – wie folgt: „People think they know more than they really do“. Diesem kurzen Satz bei Bedarf nachzugehen ist häufiger angebracht, als man sich so auf die Schnelle vorstellt.
     
  • Kontrollillusion / Control illusion
    Eine Kontrollillusion entsteht, wenn ein Marktakteur glaubt, eine schwierige Situation (noch) völlig unter Kontrolle zu haben, obwohl dies nicht (mehr) der Fall ist.  
          
  • Dispositionseffekt / Disposition effect 
    Dieses Beispiel passt vor allem zu den Finanzmärkten und den Worten „selling winners too early and riding losers too long“ – also Gewinnpositionen zu früh zu verkaufen und zu lange an verlustbringenden Anlagen festzuhalten. Vor allem der zweite Teil der Definition kann viel Schaden anrichten, wenn Verliererinnen und Verlierer nicht zugeben wollen, dass sie mit ihren Entscheidungen nicht richtig lagen und durch Weitermachen noch mehr Verluste einfahren.

Schlussbemerkung

Sämtliche oben genannte psychologischen Beispiele sind anfangs individueller Natur mit zunächst mikroökonomischen Effekten, dabei manchmal auch positive. Mikroökonomische Effekte können aber nach gewisser Zeit und starker Verbreitung auch durchaus makroökonomische Dimensionen einnehmen.

„Im schlimmsten Fall können sogar ganze Länder durch (finanz-)psychologische Übertreibungen gefährdet werden und beispielsweise schwere Finanzkrisen erleben.“

Im schlimmsten Fall können sogar ganze Länder durch (finanz-)psychologische Übertreibungen gefährdet werden und beispielsweise schwere Finanzkrisen erleben.

Aber auch rein mikroökonomische Schäden, die bei Beachtung psychologischer Erscheinungsbilder zu vermeiden gewesen wären, können für einzelne Individuen sehr schmerzhaft sein. Denn da kann auch ein hochintelligenter „homo oeconomicus“ nicht mehr helfen, was bei etwas mehr psychologischem Einfühlungsvermögen der Fall hätte sein können.

Hubert Fromlet

Quelle: eigene Forschung, zusammengefasst auf The Free Library.
 

Kontakt

Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer