Prof. Hubert Fromlet kommentiert für die Deutsch-Schwedische Handelskammer

Schwedens Wirtschaft mit Rückenwind

11.11.2021

Während die Konjunkturaussichten in einer Reihe von Ländern wieder etwas skeptischer eingeschätzt werden, sieht man die derzeitige Konjunkturlage in Schweden in durchaus positivem Licht, beobachtet Prof. Hubert Fromlet, Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer. Warum ist das so? Und freuen sich die Skandinavier zu früh?

Schweden gehört zu den Ländern in der EU, in denen „back to normal“ in der Wirtschaftsentwicklung am deutlichsten zu spüren ist. Das fängt schon beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) an, sicherlich der global am meisten benutzte und verglichene Konjunktur- und Wachstumsindikator.

Für das BIP meldete die schwedische Statistikbehörde vorläufig für das dritte Quartal ein Wachstum von 1,8 Prozent (+0,9 Prozent im zweiten Quartal und +4,7 Prozent im Vergleich zum dritten Quartal 2020). Das dritte Quartal lag damit deutlich über den Erwartungen der Finanzmärkte (+1,3 Prozent). Ein BIP-Wachstum von nahe 4 Prozent für den Jahresdurchschnitt scheint daher im Jahr 2021 noch knapp möglich.

Wirtschaft optimistisch, Haushalte vorsichtiger

Die Stimmungsbarometer des staatlichen Konjunkturinstituts (KI) sehen – insgesamt betrachtet – ebenfalls recht freundlich aus. Besonders stark nahm sich hierbei im Oktober der Konfidenzindikator für die verarbeitende Industrie aus. Dies lässt sich vor allem mit niedrigen Lager- und Auftragsbeständen erklären. Auch die Bauindustrie scheint mit ihrer momentanen Lage sehr zufrieden zu sein, ebenso ein großer Anteil des Einzelhandels. Eher gemäßigte Töne notierte das KI im Oktober beim Konfidenzindikator für die privaten Haushalte.

Schwedens Einkäuferindex (PMI) für die verarbeitende Industrie hält sich trotz aller Störungen von der Angebots- und Transportseite stabil auf historisch hohem Niveau. Dies zeugt von einer gesunden fundamentalen Position großer Teile der schwedischen Industrie.

Erfreulich ist auch, dass Schweden in diesen Tagen weniger von Corona geplagt ist als beispielsweise Deutschland. Aber immerhin lag die Inzidenz pro 100.000 Einwohner in Schweden zuletzt bei „nur“ etwa 50, in Deutschland hingegen ungefähr bei 230. Diese Zahlen sind entstanden, obwohl beide Länder in jüngster Zeit fast alle Restriktionen beseitigt hatten. Vielleicht sind Schwedens höhere Impfquote oder unterschiedliche statistische Messverfahren Ausschlag gebend.   

Den Tag nicht vor dem Abend loben

Insgesamt betrachtet sieht die schwedische Wirtschaftslage zurzeit freundlicher aus als in den meisten anderen EU-Ländern. Es bleibt abzuwarten, wie sich die noch immer beunruhigenden Lieferengpässe global und damit auch in Schweden entwickeln.

Offen bleibt zudem, wie deutlich Deutschland, die EU und China wieder auf einen ansprechenden Wachstumspfad zurückfinden. Zu den großen Risiken gehört auch die Entwicklung der globalen Inflation und der Finanzmärkte. In Schweden kommt noch die beschwerliche Immobilienblase hinzu. All diese Risikofaktoren sollten bei der Beurteilung von Schwedens Wirtschaftsaussichten für 2022 nicht übersehen werden – ebenso wie die noch nicht besiegte Coronapandemie.

Fazit: Trotz aller Lichtblicke sollte man auch in Schweden den Tag nicht vor dem Abend loben.

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Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer