Blaue Wand, Schatten von Menschen und der Text "Wirtschaftliche Einschätzungen zum Coronavirus. Prof. Hubert Fromlet kommentiert für die Deutsch-Schwedische Handelskammer"

Schweden zwischen Bangen und Hoffen

22.01.2021

Derzeit existieren in Schwedens Gesellschaft alle möglichen Nuancen zwischen Bangen und Hoffen, je nachdem, wen man befragt. Unser Senior Advisor Prof. Hubert Fromlet über das neue Notstandsgesetz, die Lage der unterschiedlichen Wirtschaftssektoren und die Auswirkungen auf den Arbeits- und Kapitalmarkt.

Am besten ist die Stimmung in großen Teilen der Industrie. Verständlicherweise gehören Vertreter der von den Schutzmaßnahmen gegen eine weitere Ausbreitung des Virus hart betroffenen Dienstleistungsbetriebe und deren Arbeitnehmer zu den größten Skeptikern.

Kleiner Lichtstreif am düsteren Coronahorizont

Die Lage an der Covid-19-Front hat sich zuletzt etwas beruhigt. Zurzeit lässt sich ein kleiner Lichtstreif am düsteren Coronahorizont ausmachen.

Per 1 Million Einwohner sind die schwedischen Zahlen für Neuansteckungen im gleitenden Durchschnitt für die letzten sieben Tage aber immer noch doppelt so hoch wie die deutschen; dies obwohl auch Schweden seit Mitte Dezember 2020 zu wesentlich schärferen Restriktionen gegriffen hat. Überraschenderweise ist zudem am 10. Januar ein seit längerer Zeit gefordertes Pandemiegesetz in Kraft getreten.

Dieses Notstandsgesetz – initial in Kraft bis Ende September 2021 – gibt der Regierung bessere und schnellere Möglichkeit, restriktiv in die Bekämpfung der Coronakrise einzugreifen. Verstöße gegen die geltenden Regeln können mit der Schließung von Lokalen und Geldstrafen belangt werden. Interessanterweise ging die ganze Gesetzgebungsprozedur sehr schnell über die Bühne, hatte die Regierung Anfang Dezember noch von einem Start des neuen Gesetzes am 15. März 2021 gesprochen.

„Vorbeugen gehörte bisher nicht zu den Stärken der schwedischen Coronastrategie.“

Vom schwedischen Sonderweg ist demzufolge nicht mehr allzu viel übriggeblieben, obwohl es zuletzt wieder zu einigen Lockerungen gekommen ist. Auffallend ist, dass in Schweden selten über das hohe Niveau der Coronafälle gesprochen wird, sondern zumeist über sehr kurzfristige Veränderungen.

Die zuletzt in Deutschland mit Besorgnis notierten Covid-19-Mutationen in Großbritannien (B.1.1.7) wurde in Schweden anfangs noch relativ lässig von der obersten Gesundheitsbehörde abgetan („Einzelfälle“). Vorbeugen gehörte bisher nicht zu den Stärken der schwedischen Coronastrategie. Die Schnelligkeit der Verbreitung des B1.1.7-Virus in Großbritannien wurde anfangs meines Erachtens von den Behörden und der Regierung Schwedens zu wenig wahrgenommen und analysiert. Inzwischen scheint man sich dieses Problems mehr bewusst.

Gespaltene Wirtschaft – deutliche Fortschritte in der Industrie

Unglücklicherweise befindet sich vor allem der an die privaten Haushalte angebundene Dienstleistungssektor noch immer in schlimmer Bedrängnis. Nach wie vor sind viele kleine Betriebe in akuter Not. Zwar kommt die Regierung immer wieder mit neuer oder verlängerter finanzieller Unterstützung für kleinere Unternehmen, doch braucht es konkreter Hoffnung – vor allem einen stabilen Rückgang der Infektionen und einen sichtbar weitverbreiteten Impferfolg. Nicht zuletzt für kleinere Unternehmen wäre eine baldige und zielbewusste B.1.1.7-Strategie ein gewichtiger Grund für mehr Zuversicht.

Ganz anders ist die Lage für große Teile der schwedischen Industrie mit ihrem schon seit geraumer Zeit überwundenen Tiefpunkt. Dies ist makroökonomisch und auch für die Börse sicherlich von Bedeutung wegen des bei weitem größeren Produktionsanteils der Industrie am BIP als dies für die gebeutelten Branchen des Dienstleistungssektors der Fall ist.

Wichtig ist außerdem, dass der Aufschwung in der Industrie auch den schwedischen Export einschließt. Dies erkennt man gut beim Studium der Auftragseingänge aus dem Ausland. Allerdings hängt die schwedische Exportwirtschaft weiterhin von der globalen Entwicklung der Pandemie ab. Nennenswert ist zudem, dass sich auch die Importe von Waren in den letzten Monaten nach oben bewegten.

„Nur eine erfolgversprechende Politik gegen Covid-19 kann kleine Unternehmen in Kultur, Gastronomie, Tourismus und Einzelhandel wieder entscheidend aufrichten.“

Trotz der relativ niedrigen BNP-Gewichtung sollten die Sorgen und Konkursängste der kleineren Dienstleistungsunternehmen weiter sehr ernst genommen werden – auch im Hinblick auf den Arbeitsmarkt (Arbeitslosenquote insgesamt bei ca. 9 Prozent und für Jugendliche von 18 bis 24 Jahren im zweistelligen Bereich).

Nur eine offensichtlich erfolgreiche oder zumindest erfolgversprechende Politik gegen Covid-19 bzw. die Mutation B.1.1.7 kann die kleineren Unternehmen in der Kulturbranche, im Gast- und Sportgewerbe, Tourismus und teilweise im Einzelhandel wieder entscheidend aufrichten – und damit den privaten Konsum stützen.

Insgesamt dürfte das schwedische BIP im Jahr 2020 um 3 Prozent abgenommen haben, weniger als in vielen vergleichbaren Ländern. Im Laufe des Jahres 2021 sollte das Wachstum wieder deutlich im grünen Bereich landen. Eine genauere Zahl möchte ich allerdings noch nicht nennen. Zu viel hängt vom weiteren Verlauf der Bekämpfung von Covid-19 und B.1.1.7 ab. Mehr über das BIP im Jahr 2020 wird die schwedische Statistikbehörde SCB am 1. Februar 2021 bekanntgeben.

Zinsen und Krone auf unsicherem Terrain

Zinsen und Devisenkurse interessieren viele Unternehmen. Schon seit einem Jahr liegen die schwedischen Leitzinsen (Repozinsen) nach einer begrenzten Zinserhöhung bei 0 Prozent. Zurzeit glauben die Märkte, dass sich die nächste Zinsveränderung eher nach unten als nach oben bewegen wird.

Diese Meinung basiert primär auf dem ständigen Unterschreiten des zweiprozentigen Inflationsziels (Dezember: +0,5 Prozent im Jahresvergleich), das von der Reichsbank noch immer sehr dogmatisch betrachtet wird. Die Interessen der Banksparer spielen dabei für die Zinspolitik der Reichsbank keine Rolle.

„Zurzeit glauben die Märkte, dass sich die nächste Zinsveränderung eher nach unten als nach oben bewegen wird.“

Sollte es bei einer der nächsten Sitzungen des Direktoriums der Reichsbank zu einer Zinssenkung kommen, würde dies normalerweise zu einer Abschwächung der Krone führen. Aber was bedeutet „normalerweise“ schon für faktische Reaktionen auf den Devisenmärkten?

Diese Sichtweise vertritt auch die Reichsbank. Hierzu betonte Vizechef Per Jansson vor einigen Tagen, dass er in absehbarer Zeit weder an eine erhebliche Verstärkung noch an eine nennenswerte Abschwächung der Krone glaubt. Wissen wir jetzt mehr?

 

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Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer