Dort wo 1951 die ersten Mitglieder der Deutsch-Schwedischen Handelskammer zusammenkamen, fand auch die 75. Jahrestagung statt: in der Aula der Handelshögskolan im Stockholmer Zentrum. Rund 250 Gäste wurden schließlich vom Vizepräsident der Handelskammer Siegfried Russwurm und von der SSE Executive Education CEO der Handelshochschule in Stockhom, Katarina Hägg, begrüßt. Russwurm richtete zudem Grüße von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aus, der zum selben Zeitpunkt in Stockholm zu Besuch war.
Im Zentrum der Veranstaltung stand die sicherheitspolitische Lage in Deutschland und Schweden und auch in ganz Europa. Wie die beiden Länder mit einem schwächelnden transatlantischen Verhältnis umgehen, mit einer zunehmenden invasiven Bedrohung von Großmächten und der sich schnell wandelnden Innovation im Verteidgungsbereich lag dieses Jahr im Fokus. Ein schweres, aber gesellschaftlich wie ökonomisch relevantes Thema, das aber nicht zu ignorieren ist, da, so stellte Russwurm gleich zu Beginn klar: „Sicherheit und Verteidigung wieder zurück im Zentrum europäischer Politik sind. All das, zu einer Zeit, in der wir gleichzeitig andere Herausforderungen sehen – wie den Klimawandel, Energietransition und die Frage, wie wettbewerbsfähig die westliche Welt ist.“
Geschwindigkeit als entscheidende Währung
Michael Schöllhorn, CEO von Airbus Defence and Space, führte diesen Aspekt der verteidigungspolitischen Renaissance in einer Rede weiter aus. Für ihn stand im Zentrum die Realität der sogenannten Zeitenwende, welche die deutsche Politik seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine prägt. „Sicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe, die mit glaubwürdiger industrieller Stärke verteidigt werden muss. Das schwedische Konzept der Totalverteidigung dient dabei als Vorbild für die europäische Resilienz und verdeutlicht, dass militärische Stärke untrennbar mit ziviler und industrieller Bereitschaft verbunden ist“, sagte Schöllhorn. Neben dem dazu notwendigen Bewusstsein, stand für Schöllhorn auch die Geschwindigkeit im Vordergrund – für ihn „die entscheidende Währung“. Schöllhorn sagte: „Wir müssen auf Spiralentwicklung setzen – also heute bereits 80 Prozent-Lösungen einsetzen, anstatt ein Jahrzehnt auf eine 100 Prozent perfekte Hochglanzlösung zu warten.“
Verteidigung als eine Kollation der Willigen
In einer anschließenden Podiumsdiskussion befragte Therese Larsson Hultin (Außenpolitik-Analystin bei Svenska Dagbladet) neben Schöllhorn auch Anna Borg (CEO, Vattenfall AB), Micael Johansson (CEO, Saab AB), Charlotta Sund (CEO, SSC Space) und Jens Nykvist (Deputiy Chief of Defense Staff, Swedish Armed Forces).
Micael Johansson schloss dabei an den Gedanken von Michael Schöllhorn an und sagte: „Nationale Souveränität ist im Bereich der Landesverteidigung von zentraler Bedeutung. Aber wenn wir uns einig sind, dass das europäische Verteidigungsprojekt im gemeinsamen Interesse liegt, dann brauchen wir eine Koalition der Willigen. Wir müssen damit vorankommen und es nicht in Brüssel zu lösen versuchen.“ Charlotta Sund stimmte mit ein: „Wir sollten nicht versuchen von Anfang an ganz Europa einzubeziehen, sondern bei den Ländern beginnen, die bereit sind – wie den nordischen Ländern und Deutschland. Aber wir sollten nicht einfach abwarten.“
Resilienz als Teil der Wettbewerbsfähigkeit
Ein Wort das ebenfalls mit dem Thema der Verteidigung zusammenhängt ist Resilienz – das machte Anna Borg klar: „Europa ist im Energiebereich sehr verwundbar, weil wir einen großen Teil unserer Energie importieren. Solange wir unsere Industrie auf grundlegenden Importen aufbauen, ist sie nicht nur anfällig, sondern auch teuer – und dadurch ist die europäische Industrie nicht so wettbewerbsfähig, wie sie es eigentlich sein sollte.“
In der Thematik der Resilienz schloss auch das transatlantische Verhältnis an. Moderatorin Larsson-Hultin sagte: „Ich höre oft, wir seien ohne die USA blind, weil wir nicht über genügend Satelliten verfügen“ und sie fragte, ob das stimme, und Jens Nykvist ging entsprechend darauf ein: „Es wird besser. Der Weltraumbereich ist in einem multidimensionalen Umfeld von enormer Bedeutung. Deshalb brauchen wir dort das entsprechende Wissen und die Kompetenzen. Satelliten ins All zu bringen ist zwar teuer, wird aber günstiger werden – und gemessen an den Fähigkeiten, die dadurch geschaffen werden können, sind die Kosten gering.“
Gunther Krichbaum, der als Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt und Mitglied des deutschen Bundestages ebenfalls die Jahrestagung der Handelskammer besucht hat, schloss die Diskussion ebenfalls mit einem Blick in die USA ab und sagte: „In diesen Zeiten muss man kaum noch betonen, wie wichtig es ist, Freunde zu haben. In Europa müssen wir uns auf unsere eigenen Interessen konzentrieren. Natürlich kann die transatlantische Partnerschaft nicht ersetzt werden, aber der Krieg in der Ukraine ist für uns eine Lehre, uns stärker auf unsere eigenen Verteidigungsfähigkeiten zu fokussieren.“
Was also bleibt von dem Gespräch in der Aula der Handelskammer, im 75. Jahr nach ihrer Gründung ist ein Blick auf ein Europa, das sich bemüht souveräner und weniger verletzlich zu werden und die Geschwindigkeit dabei als zentralen Faktor erkennt.