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75 Jahre Deutsch-Schwedische Handelskammer – Wie alles begann

Ein Frühlingstag im Jahr 1951 in Stockholm, der Hoffnung weckte

Die Deutsch-Schwedische Handelskammer wurde am 6. März 1951 in Stockholm gegründet. In einem Europa, das noch immer vom Krieg gezeichnet war, bedeutete dies einen wichtigen Schritt hin zum Wiederaufbau und zu einer besseren Zukunft. Reiner Gatermann, investigativer Reporter der deutschen Tageszeitung Die Welt, hat erforscht, wie es dazu kam.

Handelshögskolan i Stockholm,

Untertitel

Die Handelshochschule Stockholm.

Foto: Gunnar Lundh

Die Zahlen belegen die damalige wirtschaftliche Lage deutlich: 1939 betrug der schwedische Export nach Deutschland 369 Millionen Kronen, der Import aus Deutschland 619 Millionen Kronen. 1945 lagen die Werte nur noch bei 1 Million bzw. 88 Millionen Kronen. Diese Statistik zeigt die wirtschaftliche Katastrophe, die der Zweite Weltkrieg ausgelöst hatte. Doch das sind nur Zahlen – das menschliche Leid lässt sich damit kaum erfassen. Und dennoch: Aus den Trümmern erwuchs neues Leben, neue Kontakte, neuer Handel – auch zwischen Deutschland und Schweden. 

Ein entscheidender Grundstein dieser Beziehungen wurde am 6. März 1951 gelegt, als die Deutsch-Schwedische Handelskammer gegründet wurde. 

Gemeinsames Interesse an neuen Wirtschaftsbeziehungen 

Die vorbereitenden Arbeiten hatten bereits Jahre zuvor begonnen – getragen von einigen engagierten und optimistischen Persönlichkeiten. 1948 erreichten sie ein wichtiges Zwischenziel: Erstmals nach dem Krieg waren „alle vier Besatzungszonen Deutschlands“ auf der S:t Erik-Messe in Stockholm vertreten. Hindernisse wurden überwunden, Türen öffneten sich. Auf beiden Seiten bestand ein enormes Interesse an neuen Handelsmöglichkeiten – und ein dringender Bedarf an Waren. 

Ein Beispiel für das große Interesse: Am 20. Februar 1951 wurde beschlossen, die Handelskammer zu gründen und bereits für den 6. März zur konstituierenden Versammlung in der Stockholmer Handelskammer einzuladen. Die Rückmeldungen waren so zahlreich, dass schnell klar wurde: Der geplante Raum würde nicht ausreichen. 

So wurde das Treffen nur wenige Tage später in die Aula der Handelshögskolan verlegt – rund 400 Personen nahmen daran teil.

Der Aufbau deutsch-schwedischer Kontakte

In den turbulenten Nachkriegsjahren bildete sich eine Gruppe von Menschen, die – so der 2010 verstorbene Stefan Scherlag – „auf die eine oder andere Weise wieder Handelsbeziehungen knüpfen wollten“.

Sein Vater, Dr. Henrik Scherlag, war eine Schlüsselfigur. Er war 1926 in Wien geboren und kam 1939 nach Stockholm, wo er zunächst beim Fruchtimporteur Kjellander arbeitete und später Mitinhaber von Kjellander & Scherlag AB wurde. Er war ein kontaktfreudiger Mensch, bestens vernetzt in Wirtschaft und Kultur der Stadt, und begann ab etwa 1947, sich besonders für den deutsch-schwedischen Handel zu engagieren. Seine alten Kontakte in Deutschland und Österreich kamen ihm dabei zugute.

Parallel dazu publizierte Dr. Karl Gehmisch die Wochenzeitung Deutsche Wirtschaftsinformation, und der königliche Hofjuwelier Heinz Decker unterstützte mit eigenen Kontakten.

Die Rolle Lübecks: Eine Delegation für Schweden

Die alte Hansestadt Lübeck war völlig zerstört, überfüllt mit Vertriebenen und Flüchtlingen und plötzlich Grenzstadt zwischen britischer und sowjetischer Zone. Auch der Hafenbetrieb war fast vollständig zum Erliegen gekommen

Trotz dieser Lage nahm die IHK Lübeck am 1. Oktober 1948 unter demokratischen Bedingungen ihre Arbeit wieder auf und bemühte sich aktiv um die Wiederaufnahme internationaler Handelsbeziehungen. Eines der ersten Beschlüsse: die Gründung einer Delegation in Schweden – der Schwedischen Delegatur der Handelskammer Lübeck.

Ihre Aufgabe war es, die IHK über Entwicklungen zu informieren, die für die bilateralen Handelsbeziehungen relevant waren, und deutschen Unternehmen die Aufnahme von Kontakten sowie Beratung zu ermöglichen.

Dr. Henrik Scherlag bot sich Anfang 1948 an, die Vertretung ehrenamtlich zu übernehmen – und wurde am 28. April offiziell ernannt.

Hürden und Fortschritte

In einem Bericht zum 25-jährigen Jubiläum der Handelskammer heißt es: „Die größten Probleme 1948 waren unter anderem die Ausreisegenehmigungen.“ 

Auch die strengen Devisenbestimmungen erschwerten Geschäftsreisen erheblich – ausländische Währung war nur in kleinen Beträgen erhältlich. Oft ging es schneller, wenn eine Geschäftseinladung aus dem Ausland vorlag. Genau hierbei unterstützte die Delegation, indem sie bürokratische Hürden abbauen half.

1948 wurde zum Durchbruchsjahr: Mit der Währungsreform führten die Westmächte die Deutsche Mark ein, und am 25. August präsentierte sich Deutschland erstmals wieder auf der internationalen S:t Erik-Messe in Stockholm.

20 Länder nahmen teil, 1.400 Aussteller belegten 80.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Ein in Värtahamnen abgestellter Zug diente sogar als Übernachtungsmöglichkeit für Besucher.

Die schwedische Presse berichtete ausführlich über die deutsche Rückkehr. Besonders auffällig: Deutschland war sowohl durch Vertreter aus der Bizone (amerikanisch-britisch) als auch aus der sowjetischen Zone vertreten.

Innovation, Aufmerksamkeit und überraschende Erfolge 

Eine Sensation sorgte für besondere Aufmerksamkeit: Perlonstrümpfe aus Sachsen, die große Nachfrage auslösten und in direkte Konkurrenz zu den amerikanischen Nylonstrümpfen traten. 

Auch schwere Maschinen aus deutscher Produktion fanden Abnehmer – teilweise innerhalb weniger Minuten, trotz politischer Vorbehalte.

Die Messe wurde ein Publikumserfolg mit 220.000 Besuchern. Die Normalisierung der Beziehungen machte große Fortschritte, und die Weichen für eine deutsche Handelskammer in Schweden wurden sichtbar.

Hamburg und Bremen schließen sich an

1948 traten die Handelskammern Hamburg und Bremen der Lübecker Delegation bei. Das gemeinsame Büro erhielt den Namen Kontor der Handelskammern Lübeck, Hamburg und Bremen und lag an der Karlavägen 84. Stefan Scherlag, inzwischen Diplom-Kaufmann, war wohl der erste bezahlte Mitarbeiter.

Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 begannen deutsche Behörden eigene Auslandsvertretungen aufzubauen. Hamburg und Bremen zogen sich deshalb Ende 1949 zurück. Lübeck blieb – das Büro firmierte nun als Kontor der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck. 

Die Gründung der Deutsch-Schwedischen Handelskammer

1951 war ein entscheidendes Jahr für die bilateralen Beziehungen. Die schwedischen Exporte in die Bundesrepublik stiegen auf 989 Millionen Kronen, die Importe auf 1,3 Milliarden.

Am 22. Januar trafen sich Vertreter deutscher und schwedischer Industrie- und Handelsunternehmen in Stockholm, um eine Interimsleitung zu bilden und Statuten zu erarbeiten. Man setzte den 6. März als Gründungstag fest.

Wegen des großen Interesses wurde die Versammlung vom ursprünglichen Ort – der Stockholmer Handelskammer – in die Aula der Handelshögskolan verlegt. Rund 400 Teilnehmer kamen.

Gustaf Göranson (SCA) wurde erster Präsident, Dr. Dietrich Wilhelm von Menges (Ferrostal AG) Vizepräsident, Wolfgang Krüger erster Geschäftsführer. Das Präsidium sollte aus neun deutschen und neun schwedischen Vertretern bestehen – ein klarer Ausdruck politischer Neutralität. 

Eine Vision wird Wirklichkeit 

Dr. von Menges und Walter Edström (ESAB), einer der treibenden Kräfte hinter der Gründung und späterer Präsident, wetteten, dass die Kammer innerhalb von sechs Monaten 1.000 Mitglieder haben würde. Dieses Ziel war vielleicht etwas hoch angesetzt – aber auch 618 Mitglieder waren ein beeindruckender Start. 

1952 zog die Handelskammer an die renommierte Adresse Munkbron 9. Gleichzeitig veränderten zahlreiche politische und wirtschaftliche Entwicklungen die bilateralen und internationalen Rahmenbedingungen. 

Auch die diplomatischen Beziehungen wurden gefestigt: 

1951 eröffnete die Bundesrepublik rechtliche Vertretungen in Schweden, 1956 wurde daraus die deutsche Botschaft in Stockholm. 

Abschluss eines Kapitels

Am 30. Juni 1951 schloss die Lübecker Delegation in Stockholm – auf Empfehlung von Dr. Henrik Scherlag –, denn die Vision, für die er und andere unermüdlich gekämpft hatten, war nun erfüllt: 

Die Deutsch-Schwedische Handelskammer war gegründet.

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