Prof. Hubert Fromlet kommentiert für die Deutsch-Schwedische Handelskammer

Schwedischer Pragmatismus – Maßvolle Lohnrunde zeichnet sich ab

10.11.2022

Schweden befindet sich trotz aller internationalen Krisenherde nach wie vor in recht guter makroökonomischer Balance. Schwachpunkte sind hingegen die schon jahrelang anhaltende hohe Jugendarbeitslosigkeit und eine unzureichende Strukturpolitik für ein ordentliches längerfristiges (potenzielles) Wachstum. Ein weiteres Problem mit hoffentlich eher temporärer Verweildauer ist die hohe Inflation. Erfreulicherweise dürfte sich aber eine negative Lohn-/Preisspirale in Schweden vermeiden lassen, meint unser Senior Advisor Prof. Hubert Fromlet.

Forderung der Industriegewerkschaften liegt bei 4,4 Prozent 

Inzwischen besteht kein Zweifel mehr, dass die Mitglieder der Industriegewerkschaften um eine deutlich negative Reallohnentwicklung in 2022 nicht mehr herumkommen werden. Daher nimmt es sich erstaunlich aus, dass die Industriegewerkschaften nach Auslaufen des derzeitigen Tarifvertrags am 31.03.2023 für die nachfolgenden 12 Monate mit ihrer neulich aufgestellten 4,4-prozentigen Lohnforderung höchstwahrscheinlich einen weiteren Rückgang der Reallöhne ihrer Mitglieder in Kauf nehmen würden. Zu den 4,4 Prozent kommen allerdings noch einige andere Gewerkschaftsforderungen, vor allem in Form von Zuschlägen für Niedriglohnempfängerinnen und -empfänger.

„Somit stehen die Forderungen der Industriegewerkschaften für ihre Mitglieder auch im Frühjahr 2023 unter keinem guten privatökonomischen Stern“

Somit stehen die Forderungen der Industriegewerkschaften für ihre Mitglieder auch im Frühjahr 2023 unter keinem guten privatökonomischen Stern, sofern die schwedische Inflation aus speziellen internationalen und auch einheimischen Gründen nicht bald überraschend kräftig abnimmt (was kaum anzunehmen ist).

Diese Einschätzung verstärkt sich auch dadurch, dass sich die von Gewerkschaftsseite geforderten 4,4 Prozent für 12 Monate nicht ganz durchsetzen lassen. Um die 3,5-3,75 Prozent erscheinen wahrscheinlicher. So niedrig wird man in Deutschland meines Erachtens nicht landen, was der schwedischen Wettbewerbsfähigkeit weiter dienen wird. Vielleicht kommt es auch zu einem längerfristigen Tarifvertrag, beispielsweise mit Lohnerhöhungen von 10-11 Prozent für drei Jahre. Mehrjährige Tarifverträge sind in Schweden nicht unüblich.

Erwähnenswert ist auch, dass zu den Industriegewerkschaften insgesamt fünf Einzelgewerkschaften gehören, darunter die IF (deutsch: IG) Metall und die Angestelltengewerkschaft „Unionen“, die größte schwedische Einzelgewerkschaft überhaupt. Ein besonders wichtiges Detail ist in diesem Zusammenhang, dass der Tarifabschluss der Industriegewerkschaften auch zukünftig die Norm für die übrigen Tarifverträge ausmacht.

Terminlich sieht das weitere Prozedere für die Tarifverträge offensichtlich wie folgt aus: Noch vor Weihnachten wird auch die Arbeitgeberseite der Industrie ihr Angebot unterbreiten, worüber bislang noch nichts Konkretes an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Bis zum 31.03.2023 sollen dann die Tarifverhandlungen der Industrie unter Dach und Fach gebracht sein.

Inflationsziel der Reichsbank weiterhin entscheidender Ausgangspunkt

Schon jahrelang dient das 2-prozentige Inflationsziel der Reichsbank als Ausgangspunkt für die Tarifforderungen der schwedischen Gewerkschaften. Diese Strategie hat sich bislang gut bewährt. Gewisse Zweifel kamen jedoch zuletzt in verschiedenen Debatten auf – angetrieben durch die immensen Kaufkraftverluste für weniger bemittelte Haushalte als Folge der hohen Inflation und den daraus folgenden Zinserhöhungen. Auch ein höheres Inflationsziel für die Reichsbank wurde deswegen immer wieder vorgeschlagen.

Die Industriegewerkschaften machten sich jedoch derartige Argumente in ihrem Forderungskatalog nicht zu eigen, u.a. mit dem richtigen Hinweis, dass es kurzfristig in erster Linie darum gehen muss, eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern. Andernfalls drohen Inflationsprobleme und diese länger als unbedingt nötig. Weitere (vermeidbare) Zinserhöhungen wären die Folge. So zum Beispiel ausgesprochen von der Vorsitzenden der IF Metall, Marie Nilsson (Quelle auf Schwedisch).

Schwedischer Pragmatismus in Krisenzeiten! 

                                   

Kontakt

Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer