Der Text "Schweden unter der Lupe" vor der Skyline von Stockholm

Schweden vor der Sommerpause

08.06.2022

Schon bald beginnt für viele Schwedinnen und Schweden die Urlaubszeit. Nach der langen Sommerpause wird das Land mitten in der heißen Phase vor den für den 11. September geplanten Reichstagswahlen stecken. Und viele Unternehmen beginnen nach der Ferienzeit bereits mit ihrer Markt- und Budgetplanung für 2023 – ein Jahr, das erneut auf globaler Ebene problematisch werden könnte. Grund genug für unseren Senior Advisor Hubert Fromlet bereits jetzt vor Ferienbeginn auf die Wählerumfragen zu blicken und einen Ausblick auf die wirtschaftlichen Herausforderungen im nächsten Jahr und die Gründe dafür zu geben.

Auch 2023 steckt voller Fragezeichen

Es ist sicherlich kein leichtes Unterfangen, exogene (außerschwedische) und endogene (innerschwedische) Einflussfaktoren für 2023 schon in den nächsten Monaten einigermaßen zuverlässig einzufangen. Bei der Betrachtung der für 2023 kritischen exogenen Einflussfaktoren wissen wir wohl auch im Spätsommer dieses Jahres noch nicht allzu viel oder nur ungenügend über

  • die zukünftige Entwicklung in der Ukraine,
  • die weitere internationale Verbreitung von Corona,  
  • die Entwicklungen der Rohstoff- und Energiepreise (mit Inflationseffekten),
  • die Fortsetzung der globalen Transport- und Versorgungsengpässe,
  • die weitere Entwicklung der globalen Finanzmärkte (Zinsen, Aktien)
  • die globale Konjunktur in 2023,
  • die wirkliche Situation in China, dann und später (inklusive Immobilienmarkt),
  • die Trends in der internationalen öffentlichen und privaten Verschuldung.

Wesentliche endogene Einflussfaktoren müssen bei der Planung für 2023 selbstverständlich auch Beachtung finden. Hierzu gehören bei bisherigem Kenntnisstand in erster Linie

  • die Zusammensetzung der neuen schwedischen Regierung,
  • die (Wirtschafts-)Politik der neuen schwedischen Regierung,
  • die Ergebnisse der nächsten Lohn- und Gehaltsverhandlungen,
  • die Entwicklung der schwedischen Inflation und Geldpolitik,
  • die Fortsetzung am bislang noch überhitzten schwedischen Immobilienmarkt.

„Allein diese beiden Listen mit gewichtigen globalen und einheimischen Unwägbarkeiten für die schwedische Wirtschaftsentwicklung in 2023 deuten schon an, wie schwer sich die praktische Vorbereitungsphase für das nächste Jahr auf Unternehmensebene gestalten muss.“

Allein diese beiden Listen mit gewichtigen globalen und einheimischen Unwägbarkeiten für die schwedische Wirtschaftsentwicklung in 2023 deuten schon an, wie schwer sich die praktische Vorbereitungsphase für das nächste Jahr auf Unternehmensebene gestalten muss. Da bleibt nur, die weitere faktische Entwicklung regelmäßig und genau zu verfolgen. Zunächst soll etwas genauer auf die aktuelle schwedische Politik und Wirtschaftslage eingegangen werden. Die aktuelle Situation richtig zu erfassen, dient immer als der erste Schritt für eine gute Prognose.

Die momentane Lage in Politik und Wirtschaft

Politik: Am 11. September wird Schwedens neuer Reichstag gewählt. Nach Abzug der Sommerferien bleiben von jetzt an gerade noch etwas mehr als acht Wochen für den aktiven Wahlkampf. Daher nimmt es nicht wunder, dass sich Politiker und Presse inzwischen mehr um wahlrelevante Themen kümmern.

SIFO-Wahlumfragen – Verteilung der Wählersympathien in Prozent 
(Theoretische Sitzverteilung im Mai 2022)

Partei Mai 2022 Jan 2022

Sozialdemokraterna (s)

32,6  (126) 31,1

Moderaterna (m)
Bürgerlich konservativ

20,8  (80) 20,9

Sverigedemokraterna (sd)
Rechtsaußen

18,1  (68) 19,2

Vänsterpartiet (v)
Linksaußen

8,2  (29) 9,6

Centerpartiet
Bürgerliche Mitte, zumeist ländlich

6,3  (23) 7,0

Kristdemokraterna (kd)
Bürgerlich konservativ, christlich

5,6  (23) 4,4

Liberalerna (l)                                           

3,6  (-) 2,9

Miljöpartiet (mp)
Grüne

2,7  (-) 3,0

Insgesamt umfasst der schwedische Reichstag 349 Abgeordnete. Die Sperrklausel liegt bei 4 Prozent. Zurzeit wird Schweden von einer sozialdemokratischen Minderheitsregierung geführt. Dies wird sich in dieser Form nach den Wahlen nicht fortsetzen lassen, obwohl parlamentarisch (stärkere) Minderheitsregierungen durchaus nicht ungewöhnlich sind. Allerdings fällt mir auf die Frage nach der wahrscheinlichsten Zusammensetzung der nächsten Regierung bislang wenig Konkretes ein. Eine Koalitionsregierung dürfte es jedoch werden.

„Fakt ist aber, dass Ministerpräsidentin Magdalena Andersson in weiten Kreisen der Bevölkerung auf hohe Zustimmung stößt, nicht zuletzt wegen ihrer strikten Haltung gegenüber Russland.“

Fakt ist aber, dass Ministerpräsidentin Magdalena Andersson in weiten Kreisen der Bevölkerung auf hohe Zustimmung stößt, nicht zuletzt wegen ihrer strikten Haltung gegenüber Russland. Inwiefern diese politische Grundeinstellung für ein zukünftiges Regierungsbündnis mit anderen Parteien reichen wird, bleibt abzuwarten.   

Wirtschaft:  Selbst Expertinnen und Experten vermitteln derzeit ein sehr unterschiedliches Bild bei der Beurteilung der schwedischen Wirtschaftslage. Die Optimisten meinen, dass sich die meisten aktuellen Probleme in ein paar Quartalen fast von selbst erledigen – vor allem aufgrund der Erwartung oder Hoffnung, dass sich die Inflation in ein paar Monaten wieder spürbar zurückbilden wird. Dies würde die Reichsbank dann veranlassen, die geldpolitischen Zügel Anfang des nächsten Jahres wieder zu lockern, meinen Optimisten in der Prognosezunft.

Mit sehr viel Glück könnte es so kommen. Jedoch gibt es noch viele andere ungelöste Probleme innerhalb und außerhalb Schwedens. Eine gewisse realistische Zuversicht sollte aber auch in schwierigen Zeiten gewahrt bleiben. Dazu dient an dieser Stelle ein Blick auf die Zahlen zur aktuellen Wirtschaftslage in Schweden.

Aktuelle Wirtschaftslage

Indikator Resultat in % Eigene Einschätzung (1-5,  5 = sehr gut) und Trend

BIP

-0,8 (Q1) qoq 2+ Trend in die falsche Richtung trotz +3,5 % yoy

Auftragseingänge,
Industrie        

6,5 (März)         3+ recht gut zu Beginn von 2022

Einzelhandel

2,4 (Apr) yoy  ordentlich bisher in 2022 – aber klare Risiken  

KPI 

6,4 (Apr) yoy  Trend deutlich in die falsche Richtung

Leitzinsen

0,25 (Mai) Trend nach oben – aber sehr spät

Arbeitslosigkeit      

7-8 (Apr) 2 Trend etwas besser, diverse Berechnungen

Immobilienpreise 

  bei Wohnimmobilien Preisdruck nach unten

PMI Industrie

55,2  (Mai)   3- Trend in die falsche Richtung, obwohl >50

PMI Dienstleistung

68, 2 (Mai )
 
4- stabiler Trend auf hohem Niveau  

qoq = im Vergleich zum Vorquartal / yoy zum Vorjahr in Prozent


Die Zahlen verdeutlichen, dass die schwedische Wirtschaft derzeit nicht gerade in guter Verfassung ist – mit teilweise deutlichen Trends in die falsche Richtung. Vor allem das schwindende Vertrauen der privaten Haushalte in die eigene wirtschaftliche Zukunft (consumer confidence) scheint zurzeit relativ getrübt, zumal die Aussichten für sichtbare Erhöhungen der Reallöhne in den letzten Monaten stark gesunken sind. Hinzu kommen erwartungsgemäß auch weitere Zinserhöhungen seitens der Reichsbank und Preisrückgänge an den Wohnimmobilienmärkten.

Für das zweite Quartal bleibt die wichtige Frage, wie sehr der Krieg in der Ukraine die schwedische Exportwirtschaft belasten wird. Im ersten Quartal konnten sich die Exporte mit guten plus 5,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr noch recht gut behaupten. Bei den weiter im Raum stehenden internationalen Zinserhöhungen bedarf es daher für weitere Exporterfolge hauptsächlich einer glaubwürdigen Entspannung im Ukraine-Krieg und gerne auch bei den noch immer stockenden Lieferketten.

 

Kontakt

Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer