Der Text "Schweden unter der Lupe" vor der Skyline von Stockholm

Schweden hofft auf ein stabiles 2022 – gleichzeitig ist Bangen angesagt

08.12.2021

Schwedens Wirtschaft hat sich 2021 gut entwickelt, sogar besser als vor einem Jahr erwartet. Woran liegt das und wie geht es im nächsten Jahr weiter? Prof. Hubert Fromlet, Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer, analysiert.

Die gute Entwicklung der wirtschaftlichen Lage lässt sich am BIP ablesen, das mit etwa 4 Prozent in diesem Jahr doppelt so schnell gewachsen ist wie in der Durchschnittsprognose der Experten Ende 2020 angenommen.

Entwicklung von Konjunkturindikatoren 2021 im Vergleich zu den Prognosen für 2021 vor einem Jahr (eigene Einschätzungen):

  • BIP: deutlich besser                         
  • Privater Konsum: besser
  • Öffentlicher Konsum: wie erwartet
  • Bruttoinvestitionen: deutlich besser
  • Exporte: etwas besser
  • Importe: etwas mehr
  • Konsumentenpreisindex KPI (Jahresdurchschnitt): klar höher
  • Arbeitslosigkeit: etwas niedriger
  • Repozinsen: wie erwartet unverändert

Gründe für die übertroffenen Erwartungen

Viele Analysten und auf dem schwedischen Markt tätige Unternehmen fragen sich derzeit, warum das vergangene Jahr generell betrachtet besser gelaufen ist als gegen Ende 2020 erwartet werden konnte. Als Gründe hierfür lassen sich unter anderem anführen:

  • Die globale Konjunktur hat sich trotz aller Störungen auf der Angebotsseite relativ ordentlich entwickelt, auch innerhalb der EU; in etlichen Ländern – auch in Deutschland – entwickelte sich die Nachfrageseite sogar ziemlich positiv, was sich zur Zeit in gut gefüllten Auftragsbüchern widerspiegelt;
  • auch der Welthandelsindikator des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (Kiel Trade Indicator) liegt inzwischen wieder im grünen Bereich, wobei China eine negative Ausnahme bildet;   
  • trotz gelegentlicher Störungen konnten tiefgreifende Krisen an den globalen Finanzmärkten vermieden werden;
  • Schweden ist im Herbst 2021 und im Frühwinter 2021/2022 von allzu schweren Corona-Rückschlägen verschont geblieben, was sich bislang positiv auf die Binnennachfrage ausgewirkt hat – trotz aller Versorgungslücken in der Industrie;
  • die verbesserte Stimmungslage in der Wirtschaft und Bevölkerung wirkte sich leicht positiv auf die Realwirtschaft aus – psychologische Faktoren können in ungewöhnlichen Situationen Konsum und Investitionen beeinflussen.

Wie geht es 2022 weiter?

Für das Jahr 2022 sehen Regierung, Wirtschaft und Konjunkturexpertinnen und -experten positiv in die Zukunft, wenn auch mit einer leichten Abschwächung gerechnet wird. Sowohl für Deutschland als auch für Schweden gelten inzwischen wohlbekannte globale Risiken. 2022 wird sich wohl kaum zu einem gefälligen konjunkturellen Selbstläufer entwickeln – gleichzeitig wird sich nicht alles in die falsche Richtung entwickeln.

Als offensichtliche Risiken für die schwedische Konjunkturentwicklung im Jahre 2022 sind folgende Faktoren anzusehen:

Globale Risiken

Die großen internationalen Konjunkturrisiken wie Covid-19 mit Mutationen oder die globalen (amerikanischen) Inflations- und Zinsrisiken sind schon vor geraumer Zeit in den Vordergrund gerückt. Dies gilt auch für die globalen Angebotslücke bei unter anderem Chips, Transporten, Energieversorgung. Anderen auswärtigen Risiken werden doch meines Erachtens noch keine oder zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Hierzu gehören vor allem:

  • Die politische und wirtschaftliche Entwicklung Chinas: China kann 2022 vor noch größeren Problemen stehen als 2021. Dabei kann es um Probleme gehen, die sich beispielsweise auf eine akute Finanzmarktkrise, strukturell bedingtem Abwärtstrend beim Wachstum oder erneut wachsendem internationalem Protektionismus gründen können; im schlimmsten Fall könnte zu einer globalen Finanzkrise und zu einem erneut spürbaren Emerging-Market-Rückschlag kommen;
  • eine/ein eventuell rechtradikale/rechtsradikaler Siegerin/Sieger bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich Mitte April 2022, was Unruhe in der gesamtem EU stiften könnte, zudem noch nicht antizipierte geopolitische Zuspitzungen.
  • unerwartete Ungleichgewichte und Spannungen auf Arbeitsmärkten in wichtigen Ländern.

Risiken mit Ursprung in Schweden

  • Politische Komplikationen nach den Reichstagswahlen im September 2022;
  • eine schwache Wirtschaftspolitik der neuen Regierung (Zusammensetzung heute nicht vorhersehbar, Wahlen am 11. September 2022);
  • Sorglosigkeit bei der weiteren Bekämpfung von Corona;
  • Unterschätzung der schwedischen Inflationsrisiken (mit gleichzeitig steigendem Zinsrisiko).

Chancen und Prognose

Im Umkehrschluss lässt sich somit sagen, dass die Chancen für eine gute Entwicklung der schwedischen Wirtschaft in der Vermeidung und/oder der Nichterfüllung der obengenannten Risiken liegen.

„Kurz- und mittelfristigist die schwedische Wirtschaft gut aufgestellt. Längerfristig muss allerdings noch viel in die richtige Bahn gelenkt werden.“

Bei Kenntnis der jetzigen Voraussetzungen für das BIP von 2021 und 2022 kann man mit einem Wachstum von ungefähr 4 Prozent und gut 3 Prozent rechnen. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass das BIP-Niveau von Ende 2019 inzwischen übertroffen wurde. Allerdings verbleibt die Lage am Arbeitsmarkt weiterhin wenig erfreulich („Matching-Probleme“).

Grundsätzlich ist die schwedische Wirtschaft kurz- und mittelfristig gut aufgestellt. Längerfristig oder strukturell muss allerdings noch viel in die richtige Bahn gelenkt werden – teils über die Wirtschaftspolitik, teils über die Märkte. Dazu gehören unter anderem Umweltpolitik und -investitionen, Arbeitsmarkt, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik, (Aus-)Bildungs- und Migrationspolitik, institutionelle Verbesserungen oder Veränderungen verschiedener Art sowie Kompetenzrevisionen zwischen Staat, Regionen und Gemeinden.

Kontakt

Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer