Prof. Hubert Fromlet kommentiert für die Deutsch-Schwedische Handelskammer

Die unvorhersehbare Krone

23.05.2022

Es gibt wohl kaum ein Gebiet in der Volkswirtschaft – außer vielleicht dem internationalen Handel – das in den letzten 100 Jahren so ausgiebig wissenschaftlich behandelt wurde wie die Eigenarten von Währung und Währungspolitik. Dennoch haben sich noch immer keine einigermaßen anwendbaren Prognosemethoden herausgebildet – auch nicht für die Schwedenkrone. Unser Senior Advisor Prof. Hubert Fromlet geht den Ursachen nach.

Was sagen Geschichtsbücher und Wissenschaft?

Zunächst sollte ein Blick in die währungspolitischen Geschichtsbücher geworfen werden. Hier finden sich beispielsweise in den letzten 150 Jahren:

  • der Goldstandard zahlreicher Länder (1871-1914, mit Banknotenbindung an Gold),
  • das Bretton-Woods-System (1944-1971, zunächst 44 Mitgliedsländer, später auch Schweden und die Bundesrepublik – mit enger Anbindung dieser 44+ Währungen an den US-Dollar und von diesem mit Dollar-Festpreis an Gold),
  • die „Währungsschlange“ der EG (1972-1979) und das Europäische Währungssystem (1979-1993) – mit engen Schwankungskorridoren zwischen den teilnehmenden Währungen, auch Vorstufen zu gemeinsamer Währung, schließlich als
  • Europäische Währungsunion (EWU, seit 1999), inzwischen mit nur einer Währung (Euro) zwischen 19 Mitgliedsländern und flexiblen Wechselkursen gegenüber allen anderen Währungen – auch gegenüber der Schwedenkrone.

Viel Forschung wurde in den letzten Jahrzehnten bezüglich des Zusammenhangs zwischen fundamentalen Einschätzungen und der Zufallskomponente (random) für die Währungsprognosen betrieben. Die Wissenschaft kann noch immer keine sicheren Schlussfolgerungen liefern. Doch hat sich deutlicher herauskristallisiert, dass es bei dieser Schlüsselfrage nicht zuletzt auf die zeitliche Perspektive ankommt.

Je weiter Währungsbeurteilungen in die Zukunft reichen sollen, desto mehr kommen in der Regel fundamentale Betrachtungen wie Inflationsdifferenzen zum Zuge, allerdings nur bei ceteris paribus, d. h. unter sonst (fast) gleichen Bedingungen über den Prognosezeitraum hinweg.

„Aber was, wenn die Wirtschaftspolitik in der Zwischenzeit einiges wesentlich besser oder auch schlechter macht?“

Aber was, wenn die Wirtschaftspolitik in der Zwischenzeit einiges wesentlich besser oder auch schlechter macht? Die Inflation kann nach gewisser Zeit auch wieder deutlich abnehmen, oder die Leistungsbilanz des relevanten Landes wieder auf wesentlich stabilere Bahnen gelenkt werden.

Der Wissenschaft ist es bislang nicht gelungen, entscheidende Bestimmungsfaktoren für die Währungsrelationen zwischen Ländern mit gleichwertigen wirtschaftlichen Bedingungen genauer zu ermitteln (z. B. im Falle von Schweden und EWU-Ländern / Deutschland).

Weiterhin wird auch immer wieder über den Einfluss von Erwartungen auf Devisenentwicklungen geforscht – mit gemischtem Ergebnis. Erwartungen können aber in praxi zumindest gelegentlich relevant sein.

Die Arbeitsweise der Prognostik …  

Währungsprognostiker applizieren seit geraumer Zeit sowohl quantitative als auch qualitative Methoden. Quantitative Modelle basieren auf historischen Erfahrungswerten, die aber gerade oftmals auf gleiche Sachverhalte zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Genau hier liegt die Schwäche der Prognosemodelle für Währungen. Vielerorts benutzen auch größere Institutionen immer mehr die zum Zeitpunkt der makroökonomischen Prognoseerstellung gerade notierten Wechselkurse. Hierbei wird vom Einfrieren der Wechselkurse gesprochen. Da liegt man selten ganz falsch, aber auch selten genau richtig.

… und die Wirklichkeit auf den Devisenmärkten

Nach vielen Jahren der Beobachtung von Währungsentwicklungen bin ich inzwischen zu der Überzeugung gelangt, dass es nach wie vor keine brauchbaren Instrumente zur Erstellung von Währungsprognosen geben kann – zumal der Einfluss von finanzpsychologischer Forschung sich immer noch zu bescheiden ausnimmt. Gutes Gespür bei einsichtigen Devisenhändlern und Volkwirten kann jedoch durchaus behilflich sein – aber dann kommt wohl wieder die nächste unerwartete positive oder negative Überraschung.

Schnelle Reaktionen am Devisenmarkt können sowohl von Politik (USA, China, Russland, Ukraine, Deutschland, Schweden für die Krone usw.), Institutionen (Fed, ECB, Sveriges Riksbank, IMF usw.) als auch von Berichten und Statistiken herrühren. Die Anzahl von potenziellen statistischen Einflussfaktoren auf Währungsreaktionen erscheint besonders umfassend. Stimmungsbarometer (für die Industrie, Konsumenten, Finanzwirtschaft), Zinsänderungen (auch Erwartungen), BIP, Konsumenten-, Produzenten-, Rohstoff- und Immobilienpreise sowie öffentliche und private Verschuldungszahlen können Devisenmärkte sichtbar beeinflussen – aber nicht immer in gleichem Maße.

Zumeist sind die Reaktionen auf Devisenmärkten nur von kurzer Dauer, manchmal liegen sie in einem bereits (leicht) sichtbaren Trend. Auch derartige Erscheinungen lassen sich nicht immer leicht deuten. Zudem wollen Zentralbanken hin und wieder Wechselkurse durch ihre Zinspolitik beeinflussen, was allerdings in OECD-Ländern nicht allzu oft vorkommt.

Abweichungen von Erwartungen gibt es immer

Insgesamt ergibt sich die Schlussfolgerung, dass sich Entwicklungen auf den Devisenmärkten kaum prognostizieren lassen, vor allem nicht für nur ein bis zwei Jahre. Aber auch auf mittlere oder längere Sicht gibt es keine zuverlässigen Währungsprognosen, da man die notwendige Voraussetzung „ceteris paribus“ erst in Nähe des zeitlichen Endpunkts beurteilen kann.

Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass Länder mit beispielsweise chronisch großen Leistungsbilanz- und Haushaltsdefiziten, hohen Inflationszahlen oder politischer Instabilität vom Trend eher zu schwächeren Währungen neigen als Länder mit langjähriger politischer und wirtschaftlicher Stabilität. Aber auch die letztere – relativ positive – Kategorie von Ländern ist nicht immer von permanenter Währungsstärke geprägt.

Die Entwicklung der schwedischen Krone in den letzten 10 bis 20 Jahren zum Euro liefert hierfür den besten Beweis – kurzfristig oft rauf und runter und vom längerfristigen Trend her eindeutig runter bei gleichzeitig guter schwedischer Wirtschaftsentwicklung. Trotz aller analytischer Bremsklötze für Währungsprognosen sollten sich Managerinnen und Manager dennoch bemühen, Entwicklungen auf den Devisenmärkten ex post zu verstehen – aber für die Praxis generell „hedging“ als Risikoschutz bevorzugen.

Die Entwicklung der schwedischen Krone zum Euro 2012-2022:

Quelle: Swedbank

 

Kontakt

Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer