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Der Juli kommt, die Schweden verschwinden

29.06.2022

Hallo? Wo sind denn alle? Wer im Juli seine Geschäftspartner in Schweden erreichen möchte, erhält oftmals Abwesenheitsmails und muss sein Anliegen etwas nach hinten verschieben. Vermutlich sitzen Herr Andersson oder Frau Lundqvist gerade nicht am Schreibtisch, sondern auf einem Bootssteg in der Sonne. Denn während der Sommermonate arbeiten die Schwedinnen und Schweden so wenig wie möglich. Ein Einblick in die Regeln und Urlaubsgebräuche der Schwedinnen und Schweden.

„In Schweden gibt es die Tradition der Industrieferien, die die Arbeiterbewegung in den 1930er Jahren erkämpft hat. Es ist so üblich, dass man im Sommer einige Wochen am Stück nicht arbeitet“, meint der Freizeitwissenschaftler Hans-Erik Olsson. Diese Tradition ist bis heute rechtlich verankert. Das schwedische Urlaubsgesetz sieht vor, dass alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Anspruch auf vier zusammenhängende Wochen Urlaub zwischen Juni und August haben. „Und von diesem Anspruch machen fast alle Gebrauch. Der Arbeitgeber kann dies außerdem nur unter ganz engen Voraussetzungen verwehren“, erklärt die Rechtsanwältin und Arbeitsrechtsexpertin Dr. Kerstin Kamp-Wigforss von der Deutsch-Schwedischen Handelskammer.

Im Juli ist es endlich warm

Sie sieht auch ganz praktische Gründe, warum viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Schweden einen langen Sommerurlaub einplanen. Die Schulferien im Sommer dauern zehn Wochen, so dass berufstätige Eltern Urlaub nehmen, um mit ihren Kindern etwas zu unternehmen. „Häufig wird der Urlaubsanspruch auch mit dem Anspruch auf Elternzeit, der teilweise bis zum 12. Lebensjahr des Kindes möglich ist, kombiniert, so dass eine längere freie Zeit im Sommer für Familien möglich ist“, so Kerstin Kamp-Wigforss. Eine weitere Erklärung für die kollektive Aufbruchsstimmung ist ganz einfach das Wetter, so Freizeitwissenschaftler Hans-Erik Olsson: „Im Juli ist es im kalten Norden endlich warm und die Leute wollen baden, im Garten sitzen und einfach draußen sein. Das geht bei uns nur im Hochsommer.“

Bereits ab Ende Juni wird es immer leerer in schwedischen Büros. Viele Unternehmen und öffentliche Einrichtungen stellen Studierende als Urlaubsvertretungen ein, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

„Deutsche Personalverantwortliche reagieren immer sehr überrascht, wenn ich in Arbeitsrechtsseminaren die Urlaubsregelungen in Schweden erkläre.“

Kerstin Kamp-Wigforss erzählt: „Deutsche Personalverantwortliche reagieren immer sehr überrascht, wenn ich in Arbeitsrechtsseminaren die Urlaubsregelungen in Schweden erkläre.“

Viele Schweden verbringen ihren Sommer in ihrer „Stuga" auf dem Land. Foto: Johan Willner/imagebank.sweden.se

Deutsche haben meist genauso viel Urlaub wie die Schweden – aber nicht gleichzeitig

Selbst wenn viele Eltern in Deutschland in den Schulferien frei nehmen, verteilt sich der Urlaub automatisch mehr. Die Ferien beginnen in allen Bundesländern zu verschiedenen Terminen und gehen deshalb von Juni bis September.

Der Blick auf die Zahlen zeigt: Die schwedische Sommerpause kann ein falsches Bild erzeugen. Die Schweden machen gar nicht mehr frei als die Deutschen. In Schweden beträgt der gesetzliche Mindesturlaubsanspruch 25 Tage bei einer Fünf-Tage-Woche (also fünf Wochen). Es ist jedoch üblich, bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Vertrauensarbeitszeit 30 Tage Urlaub (6 Wochen) pro Jahr zu vereinbaren, so Kerstin Kamp-Wigforss. In Deutschland beträgt der gesetzlich festgelegte Mindesturlaub jährlich 24 Werktage bei einer Sechs-Tage-Woche – also vier Wochen und damit auf den ersten Blick weniger als in Schweden. Deutsche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben in der Praxis aber durchschnittlich ebenfalls sechs Wochen bezahlten Urlaub.

Urlaub einarbeiten und übertragen

Diese 30 Urlaubstage sollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland möglichst im laufenden Kalenderjahr nehmen, denn man darf seinen Resturlaub nur bis zum 31. März des Folgejahres beanspruchen. In Schweden dagegen kann man als Arbeitnehmer pro Jahr fünf oder mit Zustimmung des Arbeitgebers sogar mehr Urlaubstage sammeln, die fünf Jahre oder sogar unter bestimmten Voraussetzungen noch länger gespart werden können. Diese Urlaubstage verfallen nie, sondern werden ausgezahlt, wenn sie dann immer noch nicht genommen wurden.

Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist, dass man in Schweden nach den Grundregeln des schwedischen Urlaubsgesetzes seinen Urlaubsanspruch im ersten Jahr des Arbeitsverhältnisses einarbeiten muss. Neu angestellte Beschäftigte haben aber trotzdem Anspruch auf die freie Zeit. Um nicht unbezahlten Urlaub nehmen zu müssen, können Arbeitgeber sogenannten Vorschussurlaub gewähren. Kündigt die Arbeitnehmerin innerhalb der ersten fünf Jahre des Arbeitsverhältnisses, wird der Vorschussurlaub mit dem Urlaub und dem Urlaubsgeld, das der Arbeitnehmerin noch zusteht, verrechnet. Arbeitgeber können aber auch mit dem Arbeitnehmer vereinbaren, dass bereits im ersten Jahr des Arbeitsverhältnisses bezahlter Urlaub genommen werden kann. „Diese mögliche Abweichung vom schwedischen Urlaubsgesetz und die Vereinbarung des Kalenderjahres (in Schweden gilt sonst 1. April bis 31. März des Folgejahres) machen wir sehr häufig bei deutschen Arbeitgebern, für die wir Arbeitsverträge nach schwedischem Recht entwerfen, damit die Urlaubsregelung ähnlicher dem deutschen Recht ist, sich im Konzern besser einfügt und für die deutschen Personalverantwortlichen leichter verständlich ist.“, so Kamp-Wigforss.

In Schweden ist Urlaubsgeld gesetzlich vorgeschrieben

In Schweden muss der Arbeitgeber zusätzlich zum Gehalt Urlaubsgeld im Zusammenhang mit dem Urlaub zahlen. Während Urlaubsgeld in Deutschland oftmals gestrichen und eingespart wurde, erhalten alle schwedischen Arbeitnehmenden 0,43 Prozent des Monatsgehaltes pro Urlaubstag an Urlaubszulage (gilt ein Tarifvertrag sogar 0,8 Prozent). Diese Urlaubsgeldzulage kann nicht einzelvertraglich außer Kraft gesetzt werden. Auf ausgezahltes variables Gehalt wie zum Beispiel jährlicher Bonus muss der Arbeitgeber ein einmaliges Urlaubsgeld in Höhe von 12 Prozent zahlen, wenn der Bonus auf der individuellen, persönlichen Arbeitsleistung beruht (hat der Arbeitnehmer einen jährlichen Urlaubsanspruch von 30 Tagen sogar 14,4 Prozent auf die ausgezahlte Bonussumme).

„Das schwedische Urlaubsgesetz ist sehr kompliziert und in weiten Teilen ganz anders als das deutsche. Hier passieren die meisten Fehler und deutsche Arbeitgeber haben den größten Beratungsbedarf.“

„Das schwedische Urlaubsgesetz ist sehr kompliziert und in weiten Teilen ganz anders als das deutsche. Hier passieren die meisten Fehler und deutsche Arbeitgeber haben den größten Beratungsbedarf. Verstöße gegen das schwedische Urlaubsgesetz berechtigen die Arbeitnehmer zu Schadensersatz. Die mächtigen schwedischen Gewerkschaften, die ca. 70 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vertreten, zögern nicht, das Urlaubsgeld und den Schadensersatz auch gegenüber deutschen Arbeitgebern geltend zu machen“, erklärt Kerstin Kamp-Wigforss. „Von daher ist rechtzeitige Beratung durch Arbeitsrechtspezialistinnen wie uns dringend angeraten.“
 

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