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Der europäische Markt als Wachstumsmotor

Interview mit Ralph‑Georg Tischer

04 Mai, 2026

  • Jubiläum
  • Export
  • EU

Die Deutsch‑Schwedische Handelskammer feiert in diesem Jahr ihr 75‑jähriges Bestehen. In diesem Beitrag spricht Geschäftsführer Ralph‑Georg Tischer über die Rolle der Handelskammer, das Jubiläumsjahr und die Bedeutung der deutsch‑schwedischen Zusammenarbeit. Das Interview ist im schwedischen Magazin Företagshistoria erschienen.

Ralph‑Georg Tischer steht hinter einem Banner zum 75‑jährigen Jubiläum der Deutsch‑Schwedischen Handelskammer.

Foto: Birgit Walsh

Wie sehen die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Schweden heute aus?

Ralph‑Georg Tischer: Unsere bilateralen Wirtschaftsbeziehungen sind seit der Hansezeit eng verknüpft und haben über Jahrhunderte hinweg eine Tiefe und Breite erlangt, die uns gegenseitig zu bedeutenden Handelspartner gemacht haben. Dies bezeugt auch die Gründung der Handelskammer selbst im Jahre 1951, die von beachtlichen 600 Unternehmern getragen wurde. Heute ist Deutschland Schwedens größter internationaler Handelspartner und auch für Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Nordeuropas einer der wichtigsten Märkte innerhalb der EU.

Dieses feste Fundament hilft gerade in heutigen Zeiten enormer Verschiebungen Orientierung zu finden, Geschäfte zu sichern und den europäischen Binnenmarkt, in den wir eingebettet sind, als Wachstumstreiber zu verstehen. Für nicht wenige Exportunternehmen können unkalkulierbare Risiken im globalen Geschäft von einem noch intensiveren bilateralen Austausch aufgefangen werden. Um das für unseren Wohlstand notwendige Wachstum zu generieren, bedarf es dabei massiver Anpassungen unserer bislang so bewährten Geschäftsmodelle und Technologien. Wir rücken noch näher zusammen, um in der neuen Weltordnung nicht unter die Räder zu kommen. Hier liegen unsere unternehmerischen Chancen.

In welchen Bereichen/Branchen sind die Beziehungen am stärksten? Und gibt es neue Felder, die stark wachsen?

Ralph‑Georg Tischer: Die engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern beruhen vor allem auf der starken verarbeitenden Industrie, die sich in vielerlei Hinsicht ähnelt und ergänzt. Damit stehen die Unternehmen beiderseits der Ostsee nicht nur im Wettbewerb, sondern sind zugleich strategische Partner zur Wahrung technologischer Führerschaft. So finden sich gemeinsame Projekte im Bereich der Digitalisierung, der Energiewende oder der nachhaltigen Mobilität, die aktuell von Themen rund um die Sicherheit und Verteidigung sowie Raumfahrt ergänzt werden. Alles Schlüsselbereiche, die sich auch in der Innovationspartnerschaft zwischen unseren beiden Ländern widerspiegeln und 2017 von der Handelskammer im Rahmen des German Swedish Tech Forums auf den Weg gebracht wurde.

Warum braucht es eine Deutsch-Schwedische Handelskammer?

Ralph‑Georg Tischer: 1951 sollte die Handelskammer nach dem Willen ihrer Gründer eine zwischenstaatliche Brückenbauerin werden, engagierte und kompetente Partnerin für Unternehmen und ein zentrales Forum des Dialogs zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Und so wurden wir – in Worten eines Wegbegleiters – eine „gut organisierte und politisch unbeeinflusste, nichtamtliche wirtschaftliche Vertretung“, gegründet von Unternehmen für Unternehmen. Bilateralität und Unabhängigkeit sind dabei die Schlüssel, um diesen breiten Auftrag in all seinen Facetten adäquat erfüllen zu können. So beraten und unterstützen wir gleichberechtigt und unabhängig der Unternehmensgröße, Branchenherkunft oder regionalen Aufstellung. Diese seit

75 Jahren etablierte Brückenfunktion ist der bewusste Gegenentwurf zu einer unilateralen Interessenvertretung und neben unseres bedarfsgerechten Betreuungsansatzes der Schlüssel unserer ergebnis- und ereignisreichen Arbeit mit und für Unternehmen.

Was sind die häufigsten Missverständnisse, die deutsche Unternehmen über Schweden haben? Und schwedische Unternehmen über Deutschland?

Ralph‑Georg Tischer: Dass die bilaterale Zusammenarbeit trotz bekannter Erfolgsgeschichten nicht immer einfach verlaufen kann, wird von Vielen immer noch unterschätzt. Die vermeintliche Nähe mit oft oberflächlich wahrgenommenen Ähnlichkeiten trübt den Blick für die vorhandenen Unterschiede in den Geschäftskulturen. Zwei Beispiel:

In Deutschland sind die Hierarchien klar definiert, Entscheidungen werden von den oberen Führungsebenen getroffen und die Kommunikation ist strukturiert und direkt. Im Gegensatz dazu bevorzugt man in Schweden flache Rangordnungen und eine kollegiale Arbeitsweise, bei der alle Teammitglieder in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Dies kann zwar etwas länger dauern, führt aber häufig zu einer stärkeren Akzeptanz der Entscheidungen.

Auch die Kommunikation unterscheidet sich spürbar. Die deutsche ist direkt und deutlich, während die schwedische eher indirekt und diplomatisch ist, mit einem Fokus auf Harmonie und Konsens. In Bezug auf die Work-Life-Balance achtet man in Deutschland weniger auf die Trennung von Berufs- und Privatleben, Überstunden sind nicht ungewöhnlich. In Schweden hingegen wird die Work-Life-Balance als sehr wichtig erachtet, mit flexiblen Arbeitszeiten und der in Deutschland völlig unbekannt „Fika“, wo häufig wichtige Entscheidungen getroffen werden.

Was ist am schwierigsten für deutsche Unternehmen, die sich in Schweden niederlassen wollen? Und was ist am schwierigsten für schwedische Unternehmen, die sich in Deutschland etablieren möchten?

Ralph‑Georg Tischer: Neben den interkulturellen Unterschieden gibt es so einige Aspekte, die zu Hürden für ein grenzüberschreitendes Engagement werden können. Zu nennen wären hier u.a. Markt- und Unternehmensgrößen, Wettbewerbsintensitäten, regionale Auftritte, der Digitalisierungsgrad der Gesellschaft mit unterschiedlichen bürokratischen Herausforderungen und Planungshorizonten, Sprache, Wechselkurse, Arbeitskräftemangel, unterschiedlich strukturierte Ökosysteme und Cluster. All diese Themen stellen moderiert etwa durch die Expertise der Handelskammer keine unüberwindbaren Hindernisse dar.

Worauf sind Sie am meisten stolz, was die Handelskammer in den ersten 75 Jahren ihrer Tätigkeit beigetragen hat?

Ralph‑Georg Tischer: Wir sind stolz, dass wir es geschafft haben, zu allen Zeiten unseren Mitgliedern, Kunden und Partner einen praxisnahen Mehrwert geliefert zu haben. Waren es der Wiederaufbau nach dem Krieg, die deutsche Wiedervereinigung, die europäische Integration oder heute die geopolitischen Spannungen, der Klimawandel und die technologischen Quantensprünge,

eine jede Zeit generiert Herausforderungen mit Chancen und Risiken. Sie zu erkennen ist der Auftrag, der auch wir uns täglich stellen - zum Wohl unserer Unternehmen, die zusammenarbeiten wollen, forschen, entwickeln, Innovationen treiben oder wettbewerbsfähige Produkte und Dienstleistungen in unsere Märkte liefern. Und in diesem immerwährenden Prozess auch selbst als Non-Profit Organisation mitgewachsen zu sein und heute an drei Standorten mit 70 engagierten Mitarbeitenden, 1.200 Mitgliedsfirmen und einem aktiven Ehrenamt tätig sein zu können, das macht uns alle stolz. Der erarbeitete Mehrwert für die Unternehmen liefert konstant auch einen Mehrwert für uns.

Welche sind die wichtigsten Themen, die Sie in der Deutsch-Schwedischen Handelskammer derzeit vorantreiben?

Ralph‑Georg Tischer: Unser Jubiläumsjahr ist angesichts der aktuellen Bedrohungslage rund um die Ostsee geprägt von sicherheits- und verteidigungspolitischen Themen mit ihren wirtschaftlichen Relevanzen wie der Entwicklung von Sicherheitstechnologien, der Cyberabwehr oder dem Schutz kritischer Infrastrukturen. Hier liefern unsere beiden Länder vielfache Ansatzpunkte für technologische Kooperationen und Projekte. Als Handelskammer sind wir aber auch weiterhin an Themen dran, die die Breite unserer Wirtschaftsinteressen reflektieren: Life Sciences, Clean Tech, Leichtbau, Wasserwirtschaft, Mobilität und Gaming als prosperierender Teil der Tech Startup-Szene.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft?

Ralph‑Georg Tischer: Die großen technologischen, ökologischen und gesellschaftlichen Transformationen liefern viele Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung der deutsch-schwedischen und damit auch europäischen Partnerschaft. Vor allem im Lichte der sich entwickelnden protektionistischen Wirtschaftsräume bleibt dabei ein einheitlicher und offener Binnenmarkt gerade für kleine und mittlere Unternehmen die einzige zuverlässige Möglichkeit für eine positive Geschäftsentwicklung. Mit unserem starken Netzwerk in Schweden und Deutschland werden wir dafür verlässliche Mittler bleiben – für all jene, die über Grenzen hinweg denken und handeln möchten.

Das Interview wurde im Magazin „Företagshistoria“ veröffentlicht:
Europeiska marknaden som tillväxtmotor - Företagshistoria

Leiterin Corporate Communication

Malin Johansson

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