Hubert Fromlet. Foto: Magnus Hjalmarson Neideman/SvD/TT

Linderung der Wohnraumkrise: Eine Chance für die EU und Schweden

03.11.2025

Viele EU-Länder kämpfen mit einer Wohnraumkrise. Schweden kommt bislang glimpflich davon, schaut aber dennoch auf die EU.

Ein Blick auf die vom Europäischen Parlament jüngst veröffentlichten Zahlen unterstreicht deutlich die Wohnmisere in den meisten EU-Ländern. So haben die durchschnittlichen Immobilienpreise in der EU zwischen 2015 und 2024 um beachtliche 53 Prozent zugenommen. Gründe hierfür liegen – kurz gefasst – sowohl auf der Angebots- als auch der Nachfrageseite.

Weit über dem Durchschnitt bei den Preissteigerungen für Immobilien findet man beispielsweise – in dieser Reihenfolge und in Prozent – Ungarn (209,5), Litauen (135,0), Portugal (124,4), Tschechien (122,3), Polen (106,7) und die Niederlande (98,2). Nicht allzu weit weg vom Durchschnitt rangieren unter anderem Österreich (63,1), Rumänien (55,9), Deutschland (48,0) und auch noch Dänemark (42,1). Am unteren Ende der haben sich schließlich Länder wie Schweden (32,0) und Frankreich (26,4) und noch weiter hinten Italien (11,7) angesiedelt. In Finnland (1,4) herrschte in der letzten Dekade sogar Stagnation.

Die EU hat das Problem erkannt

Nun ist es beileibe nicht der Fall, dass man in der EU das Problem der Wohnraumkosten nicht erkannt hat. So gibt es seit 2024 einen Kommissionär für Energie und Wohnungswesen und beim Europaparlament inzwischen auch einen Sonderausschuss für die Wohnraumkrise. Positiv im Ansatz ist auch, dass die Wohnraumkrise auf der Diskussionsliste des Europäischen Rats Ende Oktober dieses Jahres stand – allerdings ohne allzu konkrete Verbesserungsvorschläge.

„Auch Schweden hat Wohnraumprobleme, die sich allerdings auf die Gross- und viele Universitätsstädte konzentrieren.“

Was Schweden betrifft, sollte die gedämpfte Entwicklung der letzten Dekade nicht überschätzt werden. Auch Schweden hat Wohnraumprobleme, die sich allerdings auf die Gross- und viele Universitätsstädte konzentrieren. Ansonsten herrscht aber in den meisten Städten akzeptables Gleichgewicht oder Überangebot am Wohnungsmarkt.

Vor allem Konsequenzen für die Mobilität innerhalb der EU

Die aktuelle Wohnraumkrise in den meisten Ländern der EU hat nicht nur ernste soziale Konsequenzen sondern auch negative wirtschaftliche Effekte. Wichtig ist hierbei, dass der erhebliche Mangel an Wohnraum auch die Mobilität innerhalb und zwischen den einzelnen Mitgliedsländern behindert. Dies betrifft sowohl akademische Grundausbildung und Forschung als auch den Arbeitsmarkt – mit längerfristig negativen Rückwirkungen auf das Wachstumspotenzial der Gemeinschaft. Immer wieder muss ich von schwedischen Kollegen hören, dass die Verpflichtung von Gastforscherinnen und Gastforscher aufgrund der Probleme am Wohnungsmarkt in vor allem den Großstädten gescheitert ist.

Besonders negativ nimmt sich die Wohnraummisere für erwachsene Jugendliche aus, die immer länger mit dem Auszug aus der elterlichen Wohnung warten müssen, in etlichen Ländern sogar bis nach dem 30.Lebensjahr (EU-Durchschnitt 26,2 Jahre). Schweden liegt hierbei mit einem durchschnittlichen Auszugsalter von 21,9 Jahren besonders gut im Rennen, wie auch die anderen skandinavischen und baltischen Länder. Innerhalb der EU werden aber insgesamt größere institutionelle Hindernisse aufgebaut, die der Flexibilität und wirtschaftlichen Entwicklung Europas alles andere als dienlich sind. 

Mögliches Drängen aus Brüssel

Positiv ist dennoch, dass die EU das Wohnraumdilemma zu einem ernsten Problem erklärt hat und auch dagegen angehen will. So sollen beispielsweise in den nächsten zwei Jahren zehn Milliarden Euro zur Finanzierung von nachhaltigem Wohnraum über die Europäische Investitionsbank eingesetzt werden. Immerhin, könnte man sagen, doch ist dies nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Auch hat das Europäische Parlament neulich die einzelnen Mitgliedsländer aufgefordert, ihre eigenen finanziellen Anstrengungen für bezahlbares Wohnen zumindest zu verdoppeln. 

„Brüssel kann wichtige institutionelle Verbesserungen auf den Binnenmärkten bewirken.“ 

Dies darf jedoch nicht bei leeren Worten bleiben. Daher sollte auch der Europäische Rat innerhalb alles Menschenmögliche zur Linderung der Wohnraumkrise tun. Natürlich sind die direkten Verbesserungsmöglichkeiten der EU beschränkt, doch kann auch Brüssel wichtige institutionelle Verbesserungen auf den Binnenmärkten bewirken und somit ein freundlicheres Gesicht in den Mitgliedsländern zeigen. Auch könnte der Europäische Rat und die Kommission die nationalen Regierungen regelmässig auf Verbesserungen der Wohnraumprobleme drängen. Dadurch könnte man einiges zur Imageverbesserung der EU bei ihren Bürgern beitragen, auch in Schweden.

                                                                        

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Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer

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