Bootsausflug auf dem Dalälv. Am Ruder: Vermutlich einer ihrer Geschäftspartner.

Foto: Johan Willner/imagebank.sweden.se

Der Juli kommt, die Schweden verschwinden

10.06.2013

Hallo? Wo sind denn alle? Wer im Juli seine Geschäftspartner in Schweden erreichen möchte, spricht mit Anrufbeantwortern und bekommt Abwesenheitsmails. Vermutlich sitzen Herr Andersson oder Frau Lundqvist gerade nicht am Schreibtisch, sondern auf einem Steg in der Sonne. Denn während der Sommermonate arbeiten die Schweden so wenig wie möglich. Ein Einblick in die Urlaubsregeln und -gebräuche der Schweden.

„In Schweden gibt es die Tradition der Industrieferien, die die Arbeiterbewegung in den 1930er Jahren erkämpft hat. Es ist so üblich, dass man im Sommer einige Wochen am Stück nicht arbeitet“, erklärt der Freizeitwissenschaftler Hans-Erik Olsson. Diese Tradition ist bis heute rechtlich verankert. Das schwedischen Urlaubsgesetz (Semesterlag, §12) sieht vor, dass der Arbeitnehmer vier Wochen zusammenhängend Urlaub zwischen Juni und August nehmen soll. Soweit nichts anderes im Anstellungs- oder Tarifvertrag vereinbart wurde. „Und das ist eher unwahrscheinlich“, weiß die Rechtsanwältin und Arbeitsrechtsexpertin Eva Häußling von der Deutsch-Schwedischen Handelskammer aus Erfahrung.

Im Juli ist es endlich warm

Sie sieht auch ganz praktische Gründe, warum viele Arbeitnehmer in Schweden einen langen Sommerurlaub einplanen. Die Schulferien dauern fast zehn Wochen, sodass berufstätige Mütter und Väter Urlaub nehmen, um mit ihren Kindern etwas zu unternehmen. „Familie hat in Schweden einen hohen Stellenwert und es ist vom Arbeitgeber akzeptiert, Zeit mit der Familie zu verbringen“, so Eva Häußling. Eine weitere Erklärung für die kollektive Aufbruchsstimmung ist ganz einfach das Wetter, meint Freizeitwissenschaftler Hans-Erik Olsson: „Im Juli ist es im kalten Norden endlich warm und die Leute wollen baden, im Garten sitzen und einfach draußen sein. Das geht bei uns nur im Hochsommer.“

Bereits ab Ende Juni wird es immer leerer in schwedischen Büros. Viele Unternehmen und öffentliche Einrichtungen stellen Studenten als Urlaubsvertretungen ein, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Eva Häußling erzählt: „Deutsche reagieren immer ganz ungläubig, wenn ich in Arbeitsrechtsseminaren die Urlaubsregelungen in Schweden erkläre.“

Deutsche haben mehr Urlaub als Schweden - aber nicht gleichzeitig

In Deutschland muss der Arbeitgeber maximal zehn Urlaubstage am Stück genehmigen. Eltern von schulpflichtigen Kindern haben nach dem Bundesurlaubsgesetz kein Recht auf Urlaub während der Sommerferien. Doch das Gesetz empfiehlt die Terminwünsche der Arbeitnehmer zu berücksichtigen und in Streitfällen nach sozialen Gesichtspunkten – wie etwa Familie – abzuwägen. Doch selbst wenn viele Eltern in den Schulferien frei nehmen, verteilt sich der Urlaub in Deutschland automatisch mehr, laut Häußling: „Die Ferien beginnen in allen Bundesländern zu verschiedenen Terminen und gehen deshalb von Juni bis September.“

Viele Schweden verbringen ihren Sommer in ihrer "Stuga" auf dem Land. Foto: Johan Willner/imagebank.sweden.se

 

Der Blick auf die Zahlen zeigt: Die schwedische Sommerpause kann ein falsches Bild erzeugen. Die Schweden machen gar nicht mehr frei als die Deutschen, sie haben sogar weniger Urlaubsanspruch. Nach einer Untersuchung der EU-Stiftung Eurofound von 2011 haben Schweden im Durchschnitt Anspruch auf 25 Tage bezahlten Urlaub. Das entspricht exakt dem gesetzlichen Mindesturlaub in Schweden. In Deutschland dagegen sind nur 20 Urlaubstage gesetzlich vorgeschrieben, während deutsche Arbeitnehmer in der Praxis durchschnittlich 30 bezahlte Urlaubstage haben.

Urlaub einarbeiten und übertragen

Diese 30 Urlaubstage sollen Arbeitnehmer in Deutschland möglichst im laufenden Kalenderjahr nehmen. Denn man darf seinen Resturlaub nur bis zum 31. März des Folgejahres beanspruchen. In Schweden dagegen kann man als Angestellter pro Jahr fünf Urlaubstage sammeln, die fünf Jahre gespart werden können.

Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist, dass man in Schweden seinen Urlaubsanspruch im ersten Jahr der Anstellung erst einarbeiten muss. Da neu angestellte Mitarbeiter aber auch gern den Juli in ihrem Sommerhaus verbringen möchten, gewähren die meisten Arbeitgeber so genannten Vorschussurlaub. Das ist völlig unproblematisch, wenn der betroffene Arbeitnehmer länger als fünf Jahre in dem Betrieb arbeiten wird. Kündigt er jedoch vor der Fünfjahresfrist, wird der Vorschussurlaub verrechnet mit dem Urlaub und dem Urlaubsgeld, das dem Arbeitnehmer noch zusteht.

In Schweden ist Urlaubsgeld gesetzlich vorgeschrieben

In Schweden muss der Arbeitgeber Urlaubsgeld zahlen. Während diese Zusatzleistung in Deutschland oftmals gestrichen und eingespart wurde, erhält jeder schwedische Arbeitnehmer 0,43 Prozent des Monatsgehaltes pro Urlaubstag an Urlaubsgeld. Oftmals sind in den Tarifverträgen sogar 0,8 Prozent festgelegt. Auf variables Gehalt wie zum Beispiel Bonus muss der Arbeitgeber Urlaubsgeld in Höhe von 12 Prozent zahlen.

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Dr. Kerstin Kamp-Wigforss, LL.M.

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