Deutschland: Unser Konjunkturindex von 3,7 für 2017/2018 deutet auf verhältnismäßig gute Zeiten hin

Von Hubert Fromlet

Zusammenfassung

  • Die schwedischen Teilnehmer mit Beziehungen zum deutschen Markt bewerten in dieser Umfrage die deutsche Konjunkturentwicklung in den kommenden zwölf Monaten bis zum Sommer 2018 als relativ positiv – mit einem Indexwert von 3,7 (Skala 1-5; 5 = sehr gut).
  • Das deutsche BIP-Wachstum liegt momentan über seinem circa 1,5-prozentigen Potenzial (Q1 2017: +1,7 Prozent verglichen mit Q1 2016 und inkl. Kalendereffekte). Die Firmenwelt zeigt sich in ihrer Planung momentan recht unbeeinflusst von allen politischen und psychologischen Gefahren, welche jedoch früher oder später zumindest die Finanzmärkte in größerem Ausmaß beschäftigen könnten. Die italienische Parlamentswahl, spätestens im Mai 2018, nicht zu vergessen!
  • Was die Konjunkturrisiken für Deutschland angeht, messen die deutschen Umfrageteilnehmer den internationalen Risiken eine klar größere Bedeutung bei als den einheimischen (63 zu 37 Prozent). Eine politische Destabilisierung im eigenen Land wird als unwahrscheinlich angesehen. Dennoch führt die Politik die Liste der nationalen Risikofaktoren an. Danach folgen die Geld- und Niedrigzinspolitik der EZB, eine gewisse Sättigung der Binnennachfrage, der Wohnungs- und Immobilienmarkt sowie die Lohnentwicklung. Unter den internationalen Risikofaktoren dominieren eine zyklisch bedingte konjunkturelle Abschwächung sowie negative politische Ereignisse und Trends in verschiedenen Weltregionen.
  • Unsere deutschen Umfrageteilnehmer bewerten die eigene Marktsituation in Schweden und das Geschäftsklima zwischen den beiden Ländern als relativ positiv. Der Indexwert 3,5 deutet jedoch darauf hin, dass das Marktpotenzial noch nicht völlig ausgeschöpft ist, was eigene Anstrengungen betrifft und im Hinblick darauf, welche Möglichkeiten der schwedische Markt nach wie vor bietet. Etwas mehr sollte schon noch drin sein, vor allem in Zeiten mit verhältnismäßig guter Binnennachfrage.
  • Die erste Spezialfrage behandelt die Sicht der schwedischen Unternehmen auf mögliche Direktinvestitionen in Deutschland. Als Investitionsland wird Deutschland recht positiv gesehen. Mehr als jeder dritte Umfrageteilnehmer gibt an, dass es keine nennenswerten Hindernisse für langfristige Investitionen in Deutschland gibt. Einige Bremsklötze werden aber auch genannt, zum Beispiel der eigene Kompetenzbedarf, Bürokratie, Lohn- und Gehaltsniveau sowie Digitalisierungsstand.
  • Mithilfe der zweiten Spezialfrage wollen wir herausfinden, welche die vorrangigen Informationsquellen der schwedischen Unternehmen zur deutschen Wirtschaft sind. Zusammengenommen liegen schwedische Wirtschafts- und Tageszeitungen bei den Massenmedien vorne, aber der Umfang der Berichterstattung zu Deutschland wird als dürftig eingestuft. Deutsche Nachrichtenmedien (Presse, Fernsehen, Radio) werden von den schwedischen Unternehmen ebenfalls relativ häufig genutzt – vielleicht ein etwas überraschendes Resultat. Die wichtigsten Informationsquellen zur deutschen Wirtschaft sind jedoch mit großem Abstand die eigenen Netzwerke der Umfrageteilnehmer sowie der Besuch von Konferenzen.

 

Analyse

Unser Konjunkturindex für Deutschland liegt bei 3,7 – fast richtig gut

Die Einschätzungen zur deutschen Konjunktur sind weiterhin größtenteils positiv. Die von uns befragten Mitgliedsunternehmen geben der Konjunktur in Deutschland in den kommenden zwölf Monaten die gute Note 3,7 (Skala 1-5; 5 = sehr gut). Die offizielle Statistik zeigt einen deutlich breiter verankerten Aufschwung als noch vor einigen Quartalen – einen Aufschwung, der inzwischen auch die Maschineninvestitionen und die Exporte in wachsendem Maße umfasst. Gleichzeitig laufen der Privatkonsum und die Bauinvestitionen weiterhin gut. Die etwas verbesserte globale Konjunktur bedeutet eine gewisse Stimulanz für die deutschen Exporte.

Deutschland produziert über seinem Potenzial

Die Mehrzahl der BIP-Prognosen für Deutschland für 2017 liegt aktuell bei 1,7 bis 2 Prozent. Egal ob das BIP-Wachstum am Jahresende nun bei 1,7, 2 oder 2,3 Prozent landet – Wachstumsraten in dieser Größenordnung liegen über dem etwa 1,5-prozentigen deutschen Wachstumspotenzial und damit etwas über dem langfristigen Trend. Um das relativ schwache Wachstumspotenzial zu verbessern, sind in erster Linie noch mehr reguläre Arbeitsverhältnisse sowie eine gesteigerte Produktivität vonnöten. Ein Mangel an Letzterem findet sich in der gesamten westlichen Welt mit einem ungebrochen schwachen Trend trotz der fortschreitenden Digitalisierung. Ein großes Rätsel für viele Wissenschaftler!

Risikoanalyse scheint derzeit hintenanzustehen – berechtigt?

Trotz aller politischen Unsicherheit: Der Konjunkturoptimismus ist greifbar in Deutschland und steht auch im Rest der Welt auf einem immer breiteren Fundament. Letzteres geht nicht aus unserer Umfrage hervor, sondern aus zahlreichen Artikeln in der Presse, Prognosen von Banken sowie anderen Berichten und Kommentaren. Die relativ positive Realwirtschaft überdeckt aktuell die existierenden finanziellen Ungleichgewichte. Richtig oder falsch?

Die Finanzwelt scheint sich manchmal Sorgen zu machen über die Eskapaden von Donald Trump – aber sie schaut bislang auch oft weg. Man weiß natürlich nicht, ob sich eine Unruhe an den Finanzmärkten schlussendlich auch auf Investitionen und Konsum auswirken kann. Dies und die unklare Größenordnung der Stimulanzprogramme Trumps machen den konjunkturellen Aufschwung der USA angreifbar.

Die in Kürze anstehenden Parlamentswahlen in Großbritannien und Frankreich tragen zu weiterer Unsicherheit bei. Die beiden Kandidaten für das Amt des deutschen Bundeskanzlers bei der Wahl im September werden im Allgemeinen hingegen nicht als Problem für Konjunktur und Stabilität eingeschätzt. Auch der im Herbst anstehenden Wahl mehrerer neuer Mitglieder in das wichtigste politische Entscheidungsorgan in China schenkt man in diesen Tagen wenig Aufmerksamkeit. Und Nordkorea ist für die meisten zu weit weg von der konkreten Bedrohungswelt.

Ein weiterer Risikofaktor, der schon in naher Zukunft deutlich an Bedeutung gewinnen könnte, wird in Beobachterkreisen bisher noch weitgehend übersehen: die politische Unsicherheit im EU-Gründungsland Italien. EU- und Euro-Kritiker gibt es in Italien zuhauf. Beppe Grillo führt mit seiner Anti-EU-Partei, der „Fünf-Sterne-Bewegung“ (M5S), derzeit sogar die italienischen Meinungsumfragen an. Bis zur Parlamentswahl, vielleicht schon im Herbst aber spätestens im Mai 2018, kann jedoch noch viel passieren.

Es ist folglich wichtig, die politischen Risiken künftig nicht zu unterschätzen, auch wenn diese aktuell nicht allzu viel Aufmerksamkeit erhalten.

Logischerweise platziert unser deutsches Panel den Risikofaktor Politik auf Rang 2 in der Liste über die größten internationalen Risiken, nach der internationalen Konjunktur an sich sowie auf gleichem Niveau wie die Währungsentwicklung, die stets direkte Auswirkungen auf die Unternehmen hat. Danach folgen Rohstoff- sowie Energiepreise.

Wo sehen Sie in den kommenden zwölf Monaten die größten internationalen Konjunkturrisiken für Ihr Unternehmen?

Weiter heftige deutsche Kritik an Niedrigzinspolitik der EZB

Was die Risiken innerhalb Deutschlands angeht, dominiert der Faktor Politik/Wahlen, jedoch weniger deutlich als auf der internationalen Ebene und etwas schwächer als bei der letzten Umfrage im vergangenen Herbst.

Auch in dieser Umfrage bringen die deutschen Teilnehmer heftige Kritik an der Niedrigzinspolitik der EZB, mit all ihren Risiken und Nachteilen, zum Ausdruck. Hier zeigt sich ein psychologischer Faktor, der in anderen Ländern selten eine größere Rolle spielt. Es lässt sich aber auch kaum leugnen, dass die riesigen Anleihenkäufe der EZB auf längere Sicht zu bedeutsamen Komplikationen führen könnten.

Wo sehen Sie in den kommenden zwölf Monaten die größten nationalen (deutschen) Konjunkturrisiken für Ihr Unternehmen?

Internationale Risiken deutlich schwerwiegender als einheimische

Ein besonders interessantes Ergebnis zeigt sich bei der Frage nach der Gewichtung zwischen einheimischen und internationalen Konjunkturrisiken. Die deutschen Umfrageteilnehmer bewerten die einheimischen, deutschen Konjunkturrisiken als deutlich weniger stark ins Gewicht fallend als die internationalen (37 zu 63 Prozent; in der letzten Umfrage war das Verhältnis noch 44 zu 56 Prozent).

Weiterhin Verbesserungspotenzial für deutsche Unternehmen in Schweden

Eine wichtige Frage auf Unternehmensniveau berührt die Entwicklung der bilateralen Geschäfte der deutschen Umfrageteilnehmer mit ihren schwedischen Partnern. Auf einer Skala von 1 bis 5 (5 = sehr gut) ergibt sich der Durchschnittswert 3,5 (Dezember 2016: 3,3) – ein Wert, der vermutlich eine gewisse Verbesserung der Konjunktur seit der letzten Umfrage widerspiegelt. Das Ergebnis deutet jedoch klar auf weiteres Verbesserungspotenzial im bilateralen Geschäft hin.

Wie entwickeln sich zurzeit die Geschäfte Ihres Unternehmens mit Schweden?

Spezialfrage 1: Investitionen in Deutschland recht unkompliziert möglich

In einer unserer beiden Spezialfragen in dieser Ausgabe wollten wir mehr dazu erfahren, welche Meinung die schwedischen Unternehmen von Deutschland als möglichem Investitionsstandort haben – technisch formuliert als Land für längerfristige Direktinvestitionen (FDI). Wir stellten die folgende Frage:

Welche Faktoren stellen momentan die größten Hindernisse für Direktinvestitionen in Deutschland dar?

Interessanterweise sind hier 38 Prozent der Umfrageteilnehmer der Meinung, dass es keine nennenswerten Investitionshindernisse auf dem deutschen Markt gibt. Abgesehen von dieser positiven Aussage werden aber natürlich auch einige Faktoren mit Verbesserungspotenzial genannt. Hierzu gehören – in dieser Reihenfolge – die Deckung des eigenen Kompetenzbedarfs, Bürokratie, Lohn- und Gehaltsniveau und Digitalisierungsstand. Mit anderen Worten dreht es sich hierbei zum großen Teil um Verbesserungen des Humankapitals.

Spezialfrage 2: Informationsquellen und -volumen zur deutschen Wirtschaft

Deutschland ist Europas größte Volkswirtschaft, steht weltweit auf Rang 4 und ist Schwedens wichtigster Handelspartner. Anlass genug, genauer darauf zu schauen, woher schwedische Unternehmen ihre Informationen über die deutsche Wirtschaft beziehen und inwiefern sie mit dem Ausmaß der Berichterstattung in den schwedischen Medien zufrieden sind.

Welche Quellen nutzen Sie hauptsächlich für Informationen zur deutschen Wirtschaft?

Relevant ist auch die Frage, ob die Berichterstattung über die Wirtschaft in Deutschland von den schwedischen Unternehmen als unzureichend, genau richtig oder allzu umfangreich eingeschätzt wird. Der Durchschnittswert der Antworten von 2,4 (Skala 1-5; 1 = sehr geringer Umfang) lässt den Schluss zu, dass sich die schwedischen Unternehmensvertreter mehr wirtschaftliche Informationen über Deutschland in den schwedischen Medien wünschen.

26 Prozent der Unternehmen, die an der schwedischsprachigen Umfrage teilgenommen haben, stammen aus dem Industriesektor, 38 Prozent sind hauptsächlich im Handel zu Hause und 36 Prozent in anderen Dienstleistungsbereichen. 76 Prozent dieser Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Schweden, 16 Prozent in Deutschland und 8 Prozent in einem anderen Land.

30 Prozent der Unternehmen, die an der deutschsprachigen Umfrage teilgenommen haben, stammen aus dem Industriesektor, 22 Prozent sind hauptsächlich im Handel zu Hause und 48 Prozent in anderen Dienstleistungsbereichen. 92 Prozent dieser Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Deutschland, 4 Prozent in Schweden und weitere 4 Prozent in einem anderen Land.

 

Über die Umfrage

Von 2. bis 15. Mai 2017 führte die Deutsch-Schwedische Handelskammer (DSHK) zum siebten Mal eine Umfrage unter deutschen und schwedischen Unternehmen zur Bewertung der Konjunktur in beiden Ländern und der deutsch-schwedischen Handelsbeziehungen durch. Die befragten Unternehmen sind zum größten Teil Mitglieder der DSHK. Über 100 deutsche und schwedische Unternehmen nahmen dieses Mal teil. Die Umfrage wird zwei Mal pro Jahr erstellt.

Ziel des Deutsch-Schwedischen Konjunkturbarometers ist es, mithilfe der operativ tätigen Unternehmen ein Bild der Konjunkturentwicklungen in Deutschland und Schweden zu zeichnen. Durch die geografische Nähe und Deutschlands Rolle als Schwedens größtem Handelspartner ergibt sich ein besonderer Bedarf, die Sichtweisen der Unternehmen auf die beiden Märkte, mit denen sie sehr gut vertraut sind, zu verfolgen.

Unser Panel beurteilt neben den Konjunkturaussichten auch die größten nationalen sowie internationalen Risiken für die Unternehmen. Eine unserer Spezialfragen untersucht dieses Mal Deutschlands und Schwedens Attraktivität für ausländische Direktinvestoren. Eine weitere behandelt die Einschätzung der schwedischen Firmen bezüglich der Berichterstattung zu Deutschland in verschiedenen Medien.

Die Ergebnisse werden von Hubert Fromlet kommentiert, Professor an der schwedischen Linné-Universität (Linnaeus University) und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer sowie ehemals langjähriger Chefökonom der Swedbank und Konjunkturexperte bei Scania. Fromlet entwickelte seinerzeit den häufig in den Medien zitierten schwedischen Einkäuferindex (PMI – Purchasing Manager Index).

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Hubert Fromlet

Affiliierter Professor an der schwedischen Linné-Universität und Senior Advisor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer