Konjunktur in Deutschland 2017 – Politik spielt entscheidende Rolle

Von Hubert Fromlet

Zusammenfassung

  • Die über 50 Umfrageteilnehmer schätzen die deutsche Konjunkturentwicklung im Jahr 2017 als relativ positiv ein. Im Durchschnitt ergibt sich der Wert 3,8 (Skala  von 5 = sehr gut bis 1 = sehr schlecht). Es kann jedoch empfehlenswert sein, die Entwicklung der Exporte (brutto) und Importe mit erhöhter Aufmerksamkeit weiterzuverfolgen.
  • Das BIP-Wachstum liegt derzeit zwar über seinem etwa 1,5-prozentigen Potential, doch vieles deutet darauf hin, dass die deutsche Konjunkturlage in verschiedenen Kommentaren und Prognosen meines Erachtens nach etwas zu positiv bewertet wird. Auch Deutschland hat einiges an struktureller Reformarbeit vor sich, insbesondere wenn sich die merklich verbesserte Lage auf dem Arbeitsmarkt als stabil erweisen soll.
  • Trotz der relativ günstigen deutschen Konjunkturperspektiven für 2017 weisen unsere teilnehmenden Unternehmen deutlich auf die politischen Risiken hin, vor allem außerhalb Deutschlands. Damit schieben sich Konjunkturparameter in den Vordergrund, die sonst eher außerhalb der üblichen ökonomischen Bewertungsrahmen beheimatet sind. Die Unternehmen sollten die komplizierte politische Entwicklung in mehreren wichtigen Ländern aufmerksam verfolgen. Dies ist eine Hauptbotschaft dieser Konjunkturumfrage.
  • Interessant ist auch die Tatsache, dass das deutsche Panel recht skeptisch auf die Niedrigzinspolitik der EZB blickt; skeptischer als es die schwedischen Kollegen in Bezug auf die Negativzinsen der schwedischen Zentralbank tun.

 

Analyse

Bild 1

Wortmeldungen zur konjunkturellen Lage in Deutschland fallen derzeit relativ positiv aus, sowohl was die aktuelle Situation als auch die Erwartungen für das nächste Jahr angeht. Auch das Panel der Deutsch-Schwedischen Handelskammer glaubt an eine verhältnismäßig gute wirtschaftlichen Entwicklung im Jahr 2017 (3,8 auf einer Skala von 5 = sehr gut bis 1 = sehr schlecht; Bild 1).

Das Konjunkturbild ist in letzter Zeit jedoch weniger einheitlich geworden. So weist die deutsche BIP-Statistik für das dritte Quartal 2016 noch immer recht gute Wachstumszahlen für den privaten und öffentlichen Konsum sowie die Bauinvestitionen auf. Bruttoexporte und Importe schwächten sich jedoch ab. Dies könnten eventuelle Warnsignale sein, die zukünftig genau beobachtet werden sollten. Die Investitionen in Maschinen gingen im Vergleich zum dritten Quartal 2015 sogar zurück, vermutlich aufgrund der gedämpften globalen Konjunktur und der merkbaren internationalen politischen Unsicherheit. Vielleicht zeigen sich hier auch bereits gewisse Befürchtungen in Hinsicht auf weiter wachsenden Protektionismus.

Wachsende politische Unsicherheit in Deutschland

Allem Anschein nach wird das deutsche BIP-Wachstum in diesem Jahr knapp 2 Prozent erreichen. Ein solches Ergebnis ist gewiss nicht schlecht. Es liegt über dem gegenwärtigen Wachstumspotential, wird aber im Hinblick auf die vielen positiven Kommentare in und außerhalb Deutschlands, darunter auch in Schweden, etwas zu optimistisch gesehen. Deutschlands künftige strukturelle wirtschaftliche Herausforderungen dürfen nicht unterschätzt werden.

Unsere Analyse legt großes Gewicht auf Konjunkturrisiken. Diese sollten kontinuierlich verfolgt und ausgewertet werden, um Prognosen und Entscheidungen, falls nötig, an neue Voraussetzungen anzupassen. Die Risikoanalyse für Deutschland erscheint in dieser Ausgabe besonders interessant.

Bild 2a

Nicht unerwartet steht die zukünftige politische Entwicklung für die deutschen Unternehmen an der Spitze der Risikoskala für das nächste Jahr (Bild 2a). Dies hängt wohl nicht zuletzt mit der Ungewissheit über die Zusammensetzung der Regierungskoalition nach der Bundestagswahl im nächsten Jahr zusammen.

Heftige deutsche Kritik an der Niedrigzinspolitik der EZB

Als zweitgrößtes einheimisches Risiko wird die künftige Geldpolitik der EZB eingeschätzt. Deutschland ist mit Sicherheit das Euro-Land, in dem die Kritik an den extrem niedrigen Zinsen und den enormen Anleihekäufen der Zentralbank am lautesten vorgetragen wird. Nicht einmal die Bundesbank, die Teil der EZB ist, hat sich scharfer Kritik an der abnormalen Niedrigzinspolitik der EZB enthalten.

Daneben nennen die Umfrageteilnehmer auch eine sich abschwächende Binnenkonjunktur als Risiko. Konjunkturrisiken, die ihren Ursprung im Immobilien-, Wohnungs- oder Aktienmarkt haben, werden ebenfalls aufgezeigt. Diese spielen jedoch eine kleinere Rolle als die zuvor genannten einheimischen Risiken.

Politik und Psychologie beeinflussen internationale Konjunktur

Bild 2b

Die internationale Risikoskala der deutschen Unternehmen für die Konjunktur 2017 (Bild 2b) wird deutlich von der unsicheren politischen Entwicklung in großen Teilen der Welt angeführt. Wir erleben derzeit eine Periode mit deutlich größerem politischem – und auch psychologischem – Einfluss auf Makroökonomie und Finanzmärkte als dies lange Zeit der Fall war. Deshalb ist es wichtig, sich laufend über den neuesten politischen Stand zu informieren.

Auch den direkten Einfluss der internationalen Konjunkturentwicklung stuft unser deutsches Panel als ein größeres Wachstumsrisiko ein. Dies ist wenig überraschend, da das BIP-Wachstum in den G20-Ländern – die auch Wachstumsmärkte wie China und Indien umfassen – dieses Jahr wahrscheinlich nur mittelmäßige 3 Prozent erreichen wird. Ein noch schwächeres Wachstum im Jahr 2017 würde für die deutschen Unternehmen eine weitere Dämpfung des denkbaren Wachstums der Exportmärkte mit sich bringen.

Sorgen um Entwicklung des Euro

Mit merkbar negativer Unsicherheit bewertet unser deutsches Panel auch die Währungsentwicklung im nächsten Jahr, also im Wesentlichen die künftige Entwicklung des Euro. Es ist jedoch nicht zu erkennen, ob diese Sorgen hauptsächlich auf eine eventuell hausgemachte politische Krise innerhalb der Eurozone bezogen sind. (Italiens politische Krise war zum Zeitpunkt der Umfrage noch nicht aktuell.) Die Zinspolitik der amerikanischen Zentralbank Fed während der nächsten Monate wird ebenfalls mit gewisser Unruhe betrachtet.

Als etwas weniger schwerwiegende internationale Konjunkturrisiken im Jahr 2017 werden mögliche zukünftige Probleme auf den Aktien- und Anleihenmärkten angesehen. Meiner Ansicht nach werden jedoch die Risiken auf dem Anleihenmarkt, die durch die allzu umfassenden Aufkäufe der Zentralbanken entstanden sind, von unseren Umfrageteilnehmern möglicherweise unterschätzt.

Bild 3

Als interessantes Umfrageergebnis erweist sich der Vergleich der nationalen und internationalen Konjunkturrisiken. Das deutsche Panel bewertet die nationalen, deutschen Konjunkturrisiken als beinahe so gewichtig wie die internationalen (44 zu 56 Prozent, Bild 3). Auch hier wird die große Bedeutung der bevorstehenden Bundestagswahl für die deutsche Konjunktur bestätigt – ohne dabei die offensichtlichen internationalen politischen Risiken in den Schatten zu stellen.

Politische Entwicklung in den USA an vorderster Stelle

Bild 4

Bei den Antworten auf die Frage, welche politischen Ereignisse die größten Auswirkungen auf das eigene Unternehmen haben werden, landet erwartungsgemäß die zukünftige politische Entwicklung in den USA vor der Flüchtlingskrise in der EU und dem Brexit an der Spitze (Bild 4). Der politischen Entwicklung in Russland sowie der bevorstehenden Bundestagswahl werden ebenfalls relativ große Bedeutung beigemessen.

Das mögliche endgültige Scheitern der TTIP-Verhandlungen zwischen den USA und der EU wird hingegen als ein geringeres Risiko für das eigene Unternehmen eingestuft, als man es vielleicht hätte annehmen können. Die französischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen gehören darüber hinaus ebenfalls zu den wichtigsten internationalen politischen Ereignissen im Jahr 2017.

Verbesserungspotential für deutsche Unternehmen in Schweden

Bild 5

Eine noch konkretere Frage berührt schlussendlich die aktuelle Entwicklung der eignen Geschäfte mit den schwedischen Partnern (Bild 5). Auf einer Skala von 5 (= sehr gut) bis 1 (= sehr schlecht) ergibt sich eine durchschnittliche Bewertung von 3,3. Hier deutet sich definitiv Verbesserungspotenzial an. Dieser Frage sollte in Zukunft mit einer vertiefenden Analyse begegnet werden.

Insgesamt repräsentieren 30 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen die Industrie, 16 Prozent den Handel und 54 Prozent den Dienstleistungssektor. Diese Verteilung entspricht im Großen und Ganzen der deutschen Wirtschaftsstruktur. 98 Prozent der Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Deutschland.

 

Über die Umfrage

Von 16. November bis 1. Dezember 2016 führte die Deutsch-Schwedische Handelskammer (DSHK) zum sechsten Mal eine Umfrage unter deutschen und schwedischen Unternehmen zur Bewertung der Konjunkturen beider Länder und der deutsch-schwedischen Beziehungen durch. Die befragten Unternehmen sind zum größten Teil Mitglieder der DSHK. Insgesamt haben dieses Mal 151 deutsche und schwedische Unternehmen teilgenommen. Die Umfrage wird zwei Mal pro Jahr erstellt.

Ziel des Deutsch-Schwedischen Konjunkturbarometers ist es, mithilfe dieser operativ tätigen Unternehmen ein Bild der Konjunkturentwicklungen in Deutschland und Schweden zu zeichnen. Durch die geografische Nähe und Deutschlands Rolle als Schwedens größtem Handelspartner ergibt sich ein besonderer Bedarf, die Konjunkturperspektiven der Unternehmen auf den beiden Märkten zu verfolgen.

Unser Panel beurteilt neben den Konjunkturaussichten auch die größten nationalen sowie internationalen Risiken für die jeweiligen Unternehmen. Darüber hinaus wird der Politik in dieser Ausgabe besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

In dieser Umfrage lassen wir Unternehmen in Schweden Fragen über die schwedische Konjunktur und Unternehmen in Deutschland Fragen über die deutsche Konjunktur beantworten – und nicht umgekehrt wie in den vorhergehenden Ausgaben.

Die Ergebnisse werden von Hubert Fromlet kommentiert, Professor für internationale Ökonomie an der schwedischen Linné-Universität (Linnaeus University) sowie ehemals langjähriger Chefökonom der Swedbank und Konjunkturexperte bei Scania. Fromlet entwickelte seinerzeit den häufig in den Medien zitierten schwedischen Einkäuferindex (PMI – Purchasing Manager Index).

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