Schwedens Turbo für Umweltautos

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Angesichts der Herausforderungen des Klimawandels gerät die Elektromobilität als eine Lösungsvariante immer stärker in den Fokus. Mit beträchtlichen öffentlichen Mitteln fördert der schwedische Staat sowohl die Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet als auch den Absatz von Elektro- und Hybridfahrzeugen.

Weltweit wird intensiv an der Verringerung des Ausstoßes an Treibhausgasen gearbeitet. Am liebsten möchte man ganz ohne fossile Brennstoffe auskommen. Deutschland marschiert ganz vorne mit. An der „Nationalen Plattform für Elektromobilität“ (NPE) hat sich eine ganze Reihe von Interessenten beteiligt, um einen gemeinsamen Vorgehensplan zu entwickeln. Doch auch in Schweden wird auf diesem Gebiet gearbeitet. „Die Hauptverantwortung für Entwicklung von Elektro- und Hybridfahrzeugen liegt natürlich bei den Autoherstellern“, erklärt Hans G. Petterson, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wirtschaftsministerium, „doch der Staat kann als Katalysator wirken, um die Entwicklung zu beschleunigen.“ Die schwedische Regierung verfolgt das Ziel, die Fahrzeugflotte bis zum Jahr 2030 auf umweltfreundliche Antriebe umzustellen. Auf eine bestimmte Technik hat sie sich dabei nicht festgelegt. „Praktisch gesehen, führt freilich nichts an der Elektrizität vorbei“, meint Hans G. Petterson, „nicht einmal die vollausgebaute Produktion von Biotreibstoffen wie Rapsöl und Ethanol ist in der Lage, die Treibstoffversorgung der Zukunft sicherzustellen.“

Superumweltprämie als Anreiz

Um die Nachfrage nach Kraftfahrzeugen mit geringem Schadstoffausstoß anzukurbeln, subventioniert die schwedische Regierung seit einigen Jahren die Anschaffung umweltfreundlicher Autos, ganz gleich, ob sie zum Beispiel mit einem Hybrid- oder einem Elektromotor angetrieben werden. Seit dem 1. Januar 2012 wird mit der sogenannten Superumweltprämie ein weiterer Anreiz gewährt: Wer ein Fahrzeug erwirbt, das höchstens 50 Gramm Kohlendioxid per Kilometer ausstößt, wird mit einem Zuschuss von bis zu 40 000 Kronen (ca 4400 Euro) belohnt. „Diese Prämie gilt unabhängig von der Antriebsart für alle Fahrzeuge, die den Grenzwert einhalten“, sagt Hans G. Petterson. „Im Augenblick erfüllen aber nur Plug-in Hybride und reine Elektroautos die Emissionsbedingung.“ Schweden gehört zu den Ländern, deren Erfolg von der Fahrzeugindustrie abhängt. Die Branche erwirtschaftet rund acht Prozent des Bruttosozialproduktes und rund 15 Prozent aller Exporte. Doch bezogen auf die Bevölkerungszahl gehört Schweden auf diesem Feld auch zu den größten Investoren in Forschung und Entwicklung. Kanalisiert wird ein hoher Anteil der öffentlichen Forschungsmittel für die Elektromobilität von der Energiebehörde, unter anderem Träger des Programms Fahrzeugstrategische Forschung und Innovation (FFI). Der Jahresetat des Programms beträgt rund 110 Millionen Euro und wird von der schwedischen Innovationsbehörde Vinnova, von der Verkehrsbehörde Trafikverket, von Unternehmen aus der Fahrzeugindustrie, Hochschulen und Innovationsunternehmen finanziert. „Ein Drittel des Projekts richtet sich auf die Sicherheit und zwei Drittel auf Klima und Umwelt, bei denen die Elektromobilität eine wichtige Rolle spielt“,erklärt Anders Lewald, verantwortlich für den Transportbereich in der Energiebehörde.

Elektrifizierte Straßen

Ein weiteres Projekt der Energiebehörde analysiert und erfasst den infrastrukturellen Bedarf bei der Umstellung von fossilen zu alternativen Treibstoffen wie zum Beispiel Elektrizität. „Schon heute gibt es viele Firmen wie beispielsweise Wohnungsbauunternehmen, die ihre Parkplätze mit Stromanschlüssen und Ladestationen versehen“, berichtet Anders Lewald. „Aber was braucht man noch? Was wird in den Innenstädten benötigt? Auf diese und andere Fragen wollen wir in den kommenden Jahren Antworten geben.“ Die FFI-Untersuchungen zeigen auch für den Schwerlastverkehr Konsequenzen auf. Für Lastkraftwagen zum Beispiel, die lange Strecken zurücklegen müssen, ist der reine Elektroantrieb keine realistische Alternative, weil die Batterien zu schwer und die Speicherkapazitäten zu gering sind. „Eine denkbare Lösung wäre ein Netz aus elektrifizierten Straßen, auf denen die Fahrzeuge den Strom kontinuierlich zugeführt bekommen – entweder von oben, von unten oder drahtlos. Damit wäre der Transport über die Straße ähnlich energieeffizient wie der Schienenverkehr, würde aber die Flexibilität der heutigen Lastkraftwagen behalten“, erklärt Anders Lewald. Svensk Energi, die Branchen- und Interessenvereinigung der schwedischen Stromversorgungsunternehmen, erforscht derzeit, wie sich ein Anstieg der Elektromobilität auf die Energieversorgung der Gesellschaft auswirken wird. „Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Schweden bestens aufgestellt ist, mit gutem Zugang zu Energie aus erneuerbaren Quellen und einem robusten Stromnetz“, sagt Henrik Wingfors, verantwortlich für Elektrofahrzeuge bei Svensk Energi. Bislang wurden in Schweden einige Tausend Ladestationen über das Land verteilt installiert. Doch weil Elektrofahrzeuge auf den Straßen immer häufiger zu sehen sind, wächst der Bedarf an Ladekapazität weiter. „Unserer Meinung nach werden die meisten Fahrzeugbesitzer ihr Auto zu Hause in der Garage aufladen. Dennoch kann es erforderlich wer- den, an öffentlichen Plätzen ein Netz aus Ladestationen zu errichten“, sagt Henrik Wingfors. In einer Empfehlung an das Wirtschaftsministerium plädiert Svensk Energi für eine Vereinfachung der Vorschriften, um den Aufbau der Ladestationen zu erleichtern und die Kosten gering zu halten. Der Vorschlag geht auch dahin, mehrere Ladestationen in einem Stromliefervertrag zusammenzufassen und davon abzukommen, für jede Station auf einer Straße oder auf einem Parkplatz einen gesonderten Vertrag abschließen zu müssen.

Elektromobilität ist Thema weltweit

Weltweit wird unter Hochdruck am Thema Elektromobilität gearbeitet, und viel von dem, was erforscht und entwickelt wird, geschieht in internationaler Zusammenarbeit. In Schweden sind Vinnova und der Wissenschaftsrat die nationalen Ansprechpartner für ERA-NET. Diese Organisation wurde von der EU-Kommission eingesetzt, um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Forschungseinrichtungen innerhalb der EU zu unterstützen. Eines der hier laufenden Projekte ist ERA-NET Transport, in dem es unter anderem ebenfalls um Elektromobilität geht. „Der Zweck ist es, den Forschungsaufwand in der Elektromobilität in Europa vernünftig zu gestalten und zu koordinieren“, berichtet Martin Svensson, Leiter der Technikentwicklung bei Vinnova. „Wir wollen Wissenschaftlern und der Industrie die Möglichkeit geben, gemeinsam ein Transportsystem für mehr energieeffiziente Fahrzeuge zu entwickeln.“ Auch im Power Circle, einem Zusammenschluss der schwedischen Stromerzeuger, wird zur Kooperation zwischen fachlich interessierten Branchen wie zum Beispiel der Fahrzeug- und Energiewirtschaft aufgefordert. „Wir haben gewisse Prioritäten, und dazu gehört die Elektromobilität. Unter anderem haben wir gemeinsam mit der Fahrzeugindustrie an einem Projekt teilgenommen, dessen Ziel es war, potenzielle Kunden für die ersten Elektroautos zu identifizieren“, erklärt Bo Normark, Geschäftsführer von Power Circle und Vorsitzender der Abteilung Elektrotechnik bei der IVA, der Wissenschaftsakademie der Ingenieure. Gewiss: Der schwedische Einsatz für die Elektromobilität geht nicht so weit wie zum Beispiel in Deutschland und in den USA. Trotzdem sei die schwedische Fahrzeugindustrie bei der Entwicklung von Elektro- und Hybridfahrzeugen weit vorangeschritten, meint Bo Normark und stellt fest: „Zweifellos liegen die schwedischen Autohersteller, vor allem im Bereich Schwerlastfahrzeuge, weltweit bei der Umstellung von fossilen zu alternativen Brennstoffen ganz vorne.“