Das Hoch im Norden

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Foto: Västerbotten Tourist Board
Die zweitgrößte schwedische Provinz Västerbotten setzt Highlights durch Hightech.

Von Christine Demmer

Anders Wangby bietet seinen ganzen professionellen Ehrgeiz auf, um ein gutes Stück Schweden zu verkaufen. Deshalb feuert der Leiter der Västerbotten Investment Agency (VIA) seine Argumente zielsicher ab und erst dann, wenn er weiß, warum sich jemand für eine Neuansiedlung in der Region Västerbotten interessiert. Ohne diese taktische Zurückhaltung könnte er stundenlang erzählen von der technologischen Aufbruchstimmung im mittleren Norden, von der steigenden Zahl der Unternehmensansiedlungen, von der wachsenden und gut ausgebildeten Bevölkerung und von dem unaufhaltsamen Ehrgeiz, der die Menschen zwischen Umeå im Süden, Skellefteå im Norden und Vilhelmina auf halber Strecke zur norwegischen Grenze gepackt hat.

Denn wirtschaftlich stellt sich die Provinz entschlossen auf ein breiteres Fundament. Västerbotten will nicht länger nur Reiseziel und Rohstoffproduzent sein, will nicht nur mit seinen Naturschönheiten locken, will nicht nur Holz, Erz, Mineralien abbauen und exportieren. Der Anfang ist gemacht. Längst ist die internationale Photovoltaikindustrie auf die Standortvorteile der Region aufmerksam geworden. Auf rund 65.000 Quadratmetern sind bereits Solarzellen verlegt, das entspricht einer Fläche von sechs Fußballfeldern, sie soll sich bis 2013 verdoppeln. An der Universität in Luleå, eine der drei Hochschulen in der Provinz, wird schwerpunktmäßig Solarforschung betrieben.

Parallel dazu tritt die Windkraft stärker auf die Bühne. Mit 16 Prozent der schwedischen Fläche bietet Västerbotten das größte Potenzial für Turbinen. Bis zu 960 der schlanken Riesen könnten hier ihre Rotoren durch die Luft wirbeln lassen. An der Universität in Skellefteå wird auf diesem zukunftweisenden Gebiet mit aller Kraft geforscht. Mehr 600 gut ausgebildete Ingenieure verlassen jedes Jahr die Hochschulen in Luleå und Skellefteå. Manche von ihnen setzen ihre wissenschaftliche Arbeit bei Swerea SICOMP fort, Schwedens führendem Forschungszentrum für Verbundwerkstoffe in Piteå. Das liegt natürlich auch in Västerbotten.

Ähnlich wie die drei anderen nördlichsten Provinzen Schwedens, will Västerbotten mit seiner mehr als tausend Jahre alten Tradition der Forstwirtschaft, des Kupfer-, Zink-, Eisen- und Silberabbaus sowie der verarbeitenden Industrie direkt in die Wirtschaft der Zukunft springen. Sie wird geprägt von den erneuerbaren Energien, von der Informations- und Kommunikationstechnologie, von Biotechnologie, Health Care und Life Sciences. „Wir wachsen stark, aber mehr als in anderen Provinzen hängt unser Wachstum von der Konjunktur ab“, erklärt Västerbottens Regionschef Erik Bergkvist. „Deshalb müssen wir unsere Wirtschaft ausweiten. Wir brauchen ein größeres Dienstleistungsangebot und Weiterverarbeitungsindustrien für unsere Rohstoffe.“

Der gut ausgebaute Schienenverkehr und die vorhandenen Kommunikationsnetze machen es den Menschen leicht, in dem waldreichen Flächenland, der zweitgrößten Provinz Schwedens, zum Arbeitsplatz zu gelangen. Doch davon braucht die Region noch mehr, viel mehr, damit die zupackenden Nordländer auch zupacken können, ohne ihre Heimat verlassen zu müssen. Die Västerbotten Investment Agency ist das Aushängeschild für die gebündelten Attraktivitätsmerkmale der Provinz, Ratgeber, Türöffner und Kontaktvermittler. Potenzielle Unternehmensgründer und Investoren, die an einem der sieben Flughäfen landen werden mit offenen Armen aufgenommen und nur zu gern eingeladen, sich eines der zahlreichen Erfolgsbeispiele vor Ort anzuschauen.

Deshalb erkundigt sich Wirtschaftsförderer Anders Wangby bei seinen Gesprächspartnern erst einmal, worum es ihnen geht. Vielleicht um Computer, um Webtechnologie, um einen Standort für einen Serverpark, um eine Wachstumsbasis für das Cloud Computing? Dann erzählt Wangby zum Beispiel vom Großprojekt Fyran, mit dem sich die ein landesweites Breitbandnetz ausbauen und sich damit auf den nationalen Spitzenplatz in der IT-Infrastruktur setzen will. Oder vom seit Mitte der 1990-er Jahre bestehenden AC-Net, einem landesweiten fiberoptischen Netz, das sämtliche 15 Kommunen der Provinz, Krankenhäuser und Gesundheitszentralen sowie tausende von Unternehmen verbindet. „Kleine und mittlere Firmen haben damit die Möglichkeit, hohe und sicherer Übertragungskapazitäten zu geringen Kosten zu nutzen“, sagt Anders Wangby mit hörbarem Stolz in der Stimme.

Davon profitieren nicht nur die alteingesessenen Betriebe, sondern auch die zahlreichen Start-Ups in der Kreativwirtschaft, die sich in Västerbotten geradezu ballen. In Schweden, auf dem letztjährigen Global Creativity Index weltweit auf dem Spitzenplatz gelistet, gelten die nördlichen Landesteile und besonders die Region Västerbotten als Herzstück der elektronischen Vergnügungsbrache. Für Internetanwendungen, die Filmindustrie und Entwickler von Animationen und Computerspiele ist die Universitätsstadt Umeå nachgerade The Place to be. Mehr als 60 Firmen haben sich hier und im weiter nördlich gelegenen Skellefteå niedergelassen und profitieren von einem dauerhaften Zustrom an neugierigen, lernbereiten und motivierten Hochschulabsolventen. In der Region Västerbotten mit seinen rund 260.000 Einwohnern haben elf Entwicklungsfirmen für Computerspiele ihren Sitz. In Stockholm und Uppsala, wo fast 2,4 Millionen Menschen leben, ist die Zahl nur knapp fünf Mal so hoch.

Das liegt gewiss auch an der Zukunft ausstrahlenden Atmosphäre in Umeå, der Hauptstadt der Provinz Västerbotten. Rund 36.700 Studenten und 2.000 Wissenschaftler bevölkern das Stadtbild und die beiden Hochschulen, in der Medizin und Life Sciences traditionell einen hohen Stellenwert genießen. Mehr als 3.000 Menschen arbeiten und forschen in Umeå auf diesem Gebiet. Als zweites Standbein für wissenschaftliche Untersuchungen, industrielle Anwendungen und akademische Meriten hat sich die Stadt der Erforschung des Klimawandel verschieben. Unlängst erst ist dort einem Team unter Leitung des Biochemikers Professor Stefan Björklund die Züchtung von infektionsresistenten Pflanzen gelungen, die extreme klimatische Veränderungen überleben können. Ihre Weiterentwicklung soll künftig Menschen in tropischen Ländern und Dürregebieten dienen.

Zahlreiche Unternehmen nutzen bereits die Know-how- und Standortvorteile, die der kräftig vorangetriebene Ausbau des Clusters Biotech in Umeå und Västerbotten bietet, pharmazeutische Betriebe und Bioproduktion, medizintechnische Hersteller wie Produzenten von agrobiologischen und probiotischen Erzeugnissen. Auch der Darmstädter Pharmakonzern Merck hat seit 2008 mit seiner Tochtergesellschaft Merck SeQuant in Västerbotten ein strategisches Standbein im hohen Norden. „Mit der Übernahme der 1997 gegründeten SeQuant AB in Umeå konnten wir das Chromatographiegeschäft vorantreiben“, sagt Firmensprecher Tobias Johnsson. „SeQuant war ein damals reines Entwicklungsunternehmen. Unsere Mitarbeiter verantworten heute den gesamten technischen Support für unsere Produkte.“ Für Anders Wangby ist das natürlich auch ein Erfolgsbeispiel Made in Västerbotten.

 

Foto: Västerbottens Kommun/Heriot Watt University